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Selbst hartgesottenen Lesern kommen die Tränen

Selbst hartgesottenen Lesern kommen die Tränen

Mit seinen Reiseerzählungen aus exotischen Ländern hat Karl May Generationen von Lesern fasziniert. Der Wilde Westen hat es den Fans besonders angetan, und jeder verbindet mit der Lektüre spannende Erinnerungen.

Mein erster Kontakt mit einem Karl-May-Buch war am Tag meiner Erstkommunion. Meine Patentante schenkte mir den Band "Weihnacht!". Ich verschlang die etwa 600 Seiten und infizierte mich dabei nachhaltig mit dem Karl-May-Virus.
Was macht die Faszination dieses Autors aus? Der Wilde Westen war für uns Jungs eine traumhafte Welt. Mutige Cowboys und exotische Indianer, ehrenwerte Westmänner und gnadenlose Schurken. Spannung, Action, Lagerfeuer-Romantik. Gerade "Weihnacht!" treibt die emotionalen Erschütterungen auf die Spitze. Der tragische Tod von Old Shatterhands engem Freund Carpio zieht sich über so viele Seiten, dass selbst hartgesottenen Lesern irgendwann die Tränen kommen.
In meinem Regal folgten Dutzende der in den 1980er Jahren populären grünen Taschenbücher für 1,95 Mark pro Stück, bei denen der Originaltext auf gut 300 eng bedruckte Seiten gequetscht wurde. Nach den Schulferien fragte mein Deutschlehrer stets die aktuelle Gesamtzahl der gelesenen Bände ab, was mich zusätzlich anspornte. Dabei hätte ich mich nie erdreistet, die detaillierten Landschaftsbeschreibungen einfach zu überblättern.
"Durch die Wüste", der legendäre Band 1 der gesammelten Werke, quält nicht nur die Protagonisten, sondern auch seine Leser mit langen Durststrecken. Die Abenteuer von Kara Ben Nemsi (Karl Sohn der Deutschen) im Orient fesselten mich trotz des witzigen Begleiters Hadschi Halef Omar nie so sehr wie der Wilde Westen. Das lag natürlich auch an Old Shatterhands Blutsbruder, dem stolzen Apachen-Häuptling Winnetou mit seiner Silberbüchse und seinem treuen Rappen Iltschi. Das Bleichgesicht und die Rothaut - ein außergewöhnliches Paar auf Friedensmission in einer kriegerischen Welt. Diplomatische Verhandlungen, Bündnis und Verrat, blutige Kämpfe (mit Donnerstöcken und Tomahawks) und Friedenspfeifen, Konflikte zwischen Christentum und Islam: All diese zentralen Elemente lassen sich immer noch problemlos in die Wirklichkeit der Gegenwart übertragen.
Die Filme aus den 1960er Jahren mit Lex Barker und Pierre Brice in den Hauptrollen trugen zum Kult bei, den die Karl-May-Festspiele in Elspe, Bad Segeberg und natürlich Pluwig bei Trier bis heute pflegen.
Einmal Karl-May-Fan, immer Karl-May-Fan. Howgh!
Marcus Hormes