Selbstzerstörung

Ministerpräsident Kurt Beck sorgt für die beruhigende Erkenntnis, dass es noch Sozialdemokraten gibt, die in der Hitze des Wahlkampfs ihren gesunden Menschenverstand nicht eingebüßt haben.

Ministerpräsident Kurt Beck sorgt für die beruhigende Erkenntnis, dass es noch Sozialdemokraten gibt, die in der Hitze des Wahlkampfs ihren gesunden Menschenverstand nicht eingebüßt haben. Dass man in Sachen Große Koalition zunächst über Inhalte reden müsse und dann über Personen, ist eine kluge Erkenntnis. Beck, der gewiefte Stratege, hat so getan, als spreche er Richtung CDU. Aber er weiß genau, dass es Gerhard Schröders unbegründeter Anspruch auf die Kanzlerschaft ist, der jedem konstruktiven Gespräch im Weg steht. Und die Mahnung, wer personelle Interessen in den Vordergrund stelle, werde am Ende der Verlierer sein, zielt geradewegs in die SPD-Parteizentrale.Einmal mehr zeigt Beck, dass er das Ohr weit näher am Volk hat als manche Parteifreunde im Zentrum der Macht. Selbst der SPD wohl gesonnene Beobachter begreifen immer weniger, wohin Schröder und Müntefering steuern. Jedem Kind erklärt man schon beim Mau-Mau-Spiel, dass die Regeln nicht während des Spiels geändert werden können, und schon gar nicht zu Gunsten dessen, der die Änderung will. 50 Jahre war es in der Republik anerkannter Bestandteil der Regeln, dass CDU und CSU eine politische Kraft sind, und dass die stärkste politische Kraft in großen Koalitionen den Regierungschef stellt. Wenn die SPD das ändern will, kann sie es im Blick auf künftige Wahlgänge tun, aber nicht rückwirkend.

Setzen die Sozialdemokraten den selbstzerstörerischen Kurs fort, gibt es zwei Möglichkeiten: Neuwahlen oder eine CDU-Kanzlerschaft ohne Merkel. Was aber wäre für die SPD gewonnen, wenn Koch statt Merkel käme? Außer einem infantilen Ätsch-Gefühl, Frau Merkel abgesägt zu haben? Nichts.

Aber Kurt Beck ahnt, dass die Mehrzahl der Wähler Kindsköpfe und Spielverderber nicht besonders mag. Und er ist der nächste, der bereits in gut fünf Monaten zur Wahl antreten muss. Wenn die SPD ihren Ruf bis dahin völlig ruiniert hat, etwa durch wochenlange ergebnislose Koalitions-Gefechte in Berlin, dann kann es sein, dass Beck - seiner Beliebtheit im Lande zum Trotz - die Zeche zahlen muss. Kein Wunder, dass er, vorsichtig, aber unüberhörbar, die Rückkehr zur Vernunft anmahnt.

d.lintz@volksfreund.de