Sensationelles Comeback

Überraschender Triumph: Bei der Vorwahl in New Hampshire erhielt Hillary Clinton 39 Prozent der Stimmen, während Barrack Obama auf 36 Prozent kam.

Washington/Manchester. Die Nachrufe waren schon geschrieben. Doch als Hillary Clinton um kurz nach 23 Uhr am Dienstagabend die Bühne einer Turnhalle in Manchester (New Hampshire) betritt, ist die schmerzhafte Niederlage von Iowa wie weggeblasen. Mit genau 7667 Stimmen Vorsprung hat die Demokratin ihren ärgsten Widersacher Barack Obama in die Schranken verwiesen - und Amerika bestaunt fasziniert die Wiederbelebung einer Politikerin, deren Kampagne von den Demos kopen noch vor wenigen Stunden für klinisch tot erklärt worden war. Mit bis zu 13 Prozent sahen die Umfragen Obama am Wahl-Morgen in Front, doch Clinton gelingt - wie ihrem Ehemann Bill 1992 - ein spektakuläres, ja sensationelles Comeback. Und damit auch jeder begreift, dass sie immer noch die Augen fest auf den Wiedereinzug ins Weiße Haus gerichtet hat, greifen Hillarys Redenschreiber diesmal tief in die Kiste mit der Aufschrift "Staatsmännische Prosa". "Lasst uns Amerika das Comeback geben, das New Hampshire mir gegeben hat," erklärt sie mit neuem Selbstbewusstsein bei der Siegesrede. Dann gibt es mehrere Umarmungen für Tochter Chelsea, und wieder jubeln die hinter ihr für die Kameras postierten Fans. War es in Iowa noch eine Seniorenriege mit Ex-Außenministerin Madeleine Albright und dem pensionierten General Wesley Clark, so darf an diesem Abend nur in der Nähe Hillarys jubeln, wer unter 30 ist - bestes Indiz eines radikalen Strategiewechsels, den die Berater der Kandidatin in nächtlichen Krisensitzungen ausgetüftelt hatten. Dazu gehört: Auch optisch weg von allem, was das Establishment in Washington repräsentieren könnte - und her mit dem, was den 46-jährigen Obama in Iowa so stark machte: Emotionen und die optische Verküpfung mit Jugendhaftigkeit. Hinzu kommt, dass Hillary Clinton in den letzten 48 Stunden massiver als je zuvor die getragenen, oft faktenarmen Reden ihres Konkurrenten zerpflückt und immer wieder gefragt hatte: "Wo sind die Inhalte? Wofür steht er?" Und die 60-Jährige erinnerte die Wähler daran: "Ich habe die Erfahrung, vom ersten Tag an führen zu können." Und auch, dass die Bewerberin mit den tiefen Augenringen bei einem Café-Auftritt am Montag plötzlich mit den Tränen zu kämpfen schien, was ihr Eisblock-Image sogleich schmelzen ließ, könnte nach Ansicht von Beobachtern zum Aufschwung in New Hampshire beigetragen haben - ungeachtet der Tatsache, dass sich Amerika weiter darüber die Köpfe heiß diskutiert, ob der Emotionsausbruch echt oder nur gespielt war, um sie menschlicher und mit einem sanfteren Image erscheinen zu lassen. Denn plötzlich gaben wieder die Frauen - und zwar 47 Prozent der Wählerinnen - Hillary Clinton ihre Stimme. "Sie lebt", kommentierte gestern die "Washington Post" trocken die Wende."Wir sollten niemals einen Kandidaten leichtfertig auszählen", mahnt Reporter-Urgestein Carl Bernstein, der einst "Watergate" enthüllte, an diesem Abend die Kollegen und die Öffentlichkeit. Ein Satz, der auch den Schmerz im ObamaLager lindern dürfte und der im Übrigen auch für den Republikaner John McCain gilt - den ältesten Bewerber im Feld der Bush-Partei, der in New Hampshire deutlich den vielfachen Millionär Mitt Romney und Iowa-Sieger Mike Huckabee in die Schranken verweist. Die Fans von Barack Obama zeigen sich am Wahlabend zwar in gedrückter Stimmung und jubeln eher verhalten, doch der Optimismus scheint ungebrochen. "Wir dürfen nicht vergessen, dass heute 54 Prozent der Demokraten nicht für Hillary gestimmt haben", lautet einer der Trost-Slogans. Obama beharrt in seiner offenbar schnell umgeschriebenen Rede, die noch vor Stunden den zweiten Sieg zelebrieren sollte, trotzig auf der Annahme, dass die Clintons weiter für alte Zeiten und somit Rückschritt stünden. Ob er weiter auf der Begeisterungswoge schwimmen kann, die ihn in Iowa ganz nach oben spülte, wird sich schon am 19. Januar zeigen: Dann steht für die US-Demokraten in Nevada die nächste Vorwahlrunde ins Haus - gefolgt von South Carolina und dem "Super Tuesday" am 5. Februar, wo es in 22 Staaten für die Kandidaten um alles oder nichts gehen könnte.