1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Sensationsgierige Unfalltouristen sorgen für Frust und Ärger bei Rettungseinsätzen

Sensationsgierige Unfalltouristen sorgen für Frust und Ärger bei Rettungseinsätzen

Videos von Unfällen und Polizeieinsätzen kursieren vielfach im Internet. Die Urheber erhoffen sich dadurch möglicherweise viele Klicks auf ihren Seiten. Oder sie wollen sich damit wichtigmachen. Der Polizei und den Rettungskräften sind die filmenden Gaffer jedenfalls ein Dorn im Auge.

Trier. Zwei Fahrrad-Polizisten kontrollieren in Trier-Süd einen Mann, der verbotswidrig auf dem Gehweg mit dem Rad fährt; sie wollen ihn offenbar fesseln. Es kommt zu einem heftigen Gerangel und zu einem lautstarken Wortwechsel mit einem Mann, der den Einsatz vom 12. August 2014 filmt. Das 8,25 Minuten dauernde Video kursierte vor einem Jahr im sozialen Netzwerk Facebook.

Ebenfalls auf Facebook hat die Polizei im vergangenen Jahr Stellung bezogen zu der Aktion selbst und zu den Reaktionen im Internet auf das Video. Für Uwe Konz, Sprecher des Trierer Polizeipräsidiums, ist das ein Beispiel für "die Unart mancher Zeitgenossen" fast jeden Polizeieinsatz mit dem Smartphone zu filmen. "Besonders, wenn die Beamten Zwangsmittel anwenden müssen, wird gerne ‚draufgehalten'. Aber auch alleine die Tatsache, dass Menschen kontrolliert werden, reicht für viele zum Start der Videoaufzeichnung", versucht Konz das, wie er es nennt, "neuzeitliche Phänomen" zu erklären. Polizeieinsätze machten Interessierte nicht mehr nur neugierig, sondern viele zückten auch gleich ihr Handy, um das Geschehnis aufzuzeichnen. Konz: "Vermutlich landen nicht wenige der Aufzeichnungen sehr zeitnah in irgendwelchen sozialen Netzwerken. Sie dienen dem Aufzeichnenden vielleicht auch dazu, sich und die Situation interessant zu machen, oder sie hoffen auf den ultimativen Mitschnitt, der Klicks und Freunde verspricht."

"Manche brauchen anscheinend das Unglück anderer"

Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Benno Langenberger, findet deutliche Worte für den zunehmenden Trend des Unfalltourismus: "Abgestumpft durch ein Internet, das keine Tabus mehr kennt, und die tägliche Überdosis daily soap brauchen manche anscheinend das Unglück anderer als Live-Kino, das den Nervenkitzel und die Realität in ihr Leben bringt, die sie im eigenen Wohnzimmer nicht mehr haben." Langenberger hat kein Verständnis dafür, "dass Gaffer das Leid anderer als Bühne für ihre Sensationsgeilheit nutzen". Es sei eine Schande, dass mittlerweile sogar Sichtschutzwände aufgestellt werden müssen, um Opfer vor den Gaffern zu schützen.

Laut rheinland-pfälzischem Innenministerium führt der für die Landesstraßen und Autobahnen zuständige Landesbetrieb Mobilität (LBM) derzeit Gespräche mit Polizei und Feuerwehrverband, ob und wie ein effektiver Schutz vor Gaffern durch solche Sichtschutzwände organisiert werden könnte.
Frank Hachemer, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes, begrüßt die Initiative. "Für den ersten Einsatz bei einem Unfall sind diese Sichtschutzwände eine gute Variante." Die faltbaren Wände sollten bei den Feuerwehren entlang von Autobahnen und Bundesstraßen gelagert werden. Durch diese Wände könnten in den meisten Fällen Gaffer, die auf der Gegenfahrbahn unterwegs sind und nicht selten extra abbremsen oder gar anhalten, um besser filmen zu können, abgehalten werden, sagt Hachemer. Außerdem könnten so Unfälle, die nicht selten durch die Gaffer verursacht würden, verhindert werden.

Unabhängig davon, ob filmende und knipsende Schaulustige Unfälle verursachen, fordert Gewerkschaftschef Langenberger für alle Gaffer "eine konsequente Verfolgung" Der bisherige Strafrahmen ab 20 Euro sei zu niedrig. Langenberger: "Wir brauchen mindestens eine Verdoppelung." Damit die Polizei nicht durch solche Ermittlungen zusätzlich belastet wird, schlägt der Gewerkschafter eine Halterhaftung vor. Das bedeutet, dass zunächst einmal der Besitzer des Wagens, aus dem heraus ein Rettungseinsatz gefilmt wird, mit einem Bußgeld belegt wird. Der Autohalter muss, falls er nicht dabei war, beweisen, dass er nicht am Steuer gesessen hat. Langenberger schlägt Bußgelder für Gaffer von mindestens 75 Euro sowie Punkte in der Verkehrssünderdatei vor.

Eine Ahndung am Einsatzort finde statt, etwa wenn Gaffer durch ihre Präsenz Rettungsarbeiten behinderten, sagt Marco Pecht, Sprecher des Innenministeriums. Allerdings gestalte sich gerade bei Verkehrsunfällen die Ahndung während eines Einsatzes schwierig, zunächst gehe es um die Sicherung der Unfallstelle und um Hilfe für die Opfer. Pecht: "Häufig fehlt somit die Möglichkeit, die Gaffer zu registrieren und eine Strafverfolgung einzuleiten."
Strafbar ist aber nicht nur, dass Rettungseinsätze möglicherweise behindert werden. Auch Persönlichkeitsrechte der Beteiligten könnten durch das Filmen betroffen sein, sagt Polizeisprecher Konz. "Das beginnt bei Verletzten, geht über Täter, Opfer und Zeugen bis hin zu den eingesetzten Polizeibeamten und Mitarbeitern von Hilfsdiensten und endet bei gänzlich Unbeteiligten." Dadurch würden möglicherweise Verstöße gegen das Recht am eigenen Bild begangen. Weitere Straftaten, die sich im Zusammenhang mit dem Gaffen ergeben - wie möglicherweise unterlassene Hilfeleistung - hingen vom Einzelfall ab und könnten zu Strafverfahren gegen die filmenden Unfalltouristen führen.Extra

Nicht immer ist das Filmen von Polizeieinsätzen etwas Verwerfliches. Uwe Konz, Sprecher des Trierer Polizeipräsidiums, erinnert etwa an die unzähligen Handy-Videos von Zeugen in der Kölner Silvesternacht. "So hatten die Kölner Kollegen eine Vielzahl von Bildern und Videos zur Verfügung. Derartige Aufnahmen können zur Klärung von Sachverhalten und Straftaten beitragen", sagt Konz. In derartigen Fällen seien Opfer und Polizei ja oft auf die Unterstützung von Zeugen angewiesen. Diese lieferten dann die mit dem Handy gemacht Videos oft freiwillig. Zur Not könnten bei Straftaten die Handys, auf denen die Videos gespeichert sind, als Beweismittel im Rahmen der Ermittlungen sichergestellt oder auch beschlagnahmt werden. wie