Sex, Lügen und eine Sensation

Sex, Lügen und eine Sensation

Das Zimmermädchen, das der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn vergewaltigt haben soll, hat seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Der Franzose ist deshalb am Freitag ohne Kaution aus der Haft entlassen worden. Bericht unseres Korrespondenten.

Es war die New York Times, die als erstes Medium am Donnerstagabend die sich anbahnende Sensation öffentlich gemacht: Die Anklage gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn stehe vor dem Kollaps, mit Blick auf die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin gebe es massive Zweifel, die auch von der Staatsanwaltschaft geteilt würden, so das Blatt.

Damit war die Bombe geplatzt. Und gestern schien sich zu bestätigen, was die Verteidigung des 62jährigen Franzosen zuvor bereits angedeutet hatte: Es war zwar, was durch Spermaspuren mittlerweile zweifelsfrei erwiesen ist, am 14. Mai zu einer sexuellen Begegnung mit dem Zimmermädchen in der Luxussuite des Sofitel gekommen - aber lediglich auf freiwilliger Basis.
"Schande, Schande"

Die schweren Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung und Nötigung zum Oralverkehr, die "DSK" eine Haftstrafe von 25 Jahren hätten bescheren können und die auch zum raschen Ende seiner Währungsfonds-Karriere geführt hatten, lassen sich nicht mehr in diesem Umfang aufrechterhalten. Beim letzten Termin hatten vor dem Gerichtsgebäude noch Dutzende von Frauen in Zimmermädchen-Kostümen dem Verdächtigen "Schande, Schande" zugerufen.

Doch diese Sprechchöre blieben am Freitag aus. Den Arm um seine Frau Anne Sinclair gelegt, schritt ein erleichtert strahlender Strauss-Kahn zu einer wartenden Limousine, nachdem der zuständige New Yorker Richter Michael J. Obus nach nur zehn Minuten Anhörung die Freilassung unter Auflagen, aber ohne jede Kaution angeordnet hatte.

"Die Umstände dieses Falles haben sich substanziell geändert," so der Richter zu Strauss-Kahn gewandt, "das Risiko, dass sie nicht mehr hier erscheinen, ist gering geworden. Ich entlasse sie deshalb auf eigene Verantwortung." Zu schwer wogen auch für Richter Obus die Details, die mittlerweile der Anklage über das angebliche Opfer - eine 32 Jahre alte alleinerziehende Mutter aus Guinea - vorliegen, und die zeigten, dass Nafissatou D. bei den Befragungen durch die Ermittler in wichtigen Punkten gelogen oder relevante Dinge verschwiegen hat.
Telefonat mit einem Häftling

Dazu soll auch das Telefonat gehören, das das Zimmermädchen am Tag nach der vermeintlichen Tat mit einem Häftling geführt hatte und das durch die Gefängnisleitung routinemäßig aufgezeichnet worden war. In diesem Gespräch habe die Frau um Hinweise dazu gebeten, welche Vorteile sie "von der Weiterführung der Vorwürfe", so das Blatt, gegen Strauss-Kahn haben würde. Erschwerend kommt hinzu, dass der inhaftierte Gesprächspartner - der als Verlobter der Hotelangestellten bezeichnet wird - offenbar mit Drogen handelte.

Innerhalb der letzten zwei Jahre habe der Mann zusammen mit anderen Personen in vier US-Bundesstaaten rund 100.000 Dollar auf das Konto des Zimmermädchens eingezahlt und die Beziehung offenbar als Möglichkeit zur Geldwäsche genutzt.
Auch soll die Frau aus Afrika bei Fragen zu ihrem früheren Asylantrag angegeben haben, dieser habe die Anmerkung enthalten, dass sie in der Heimat vergewaltigt worden sei. Die Prüfung des Dokumentes ergab jetzt, dass es einen solchen Hinsweis nicht enthält.

"Sie hat auch hier gelogen", zitierte der Sender CNN einen Ermittler. Widersprüche gab es auch bei der Darstellung des Ablaufs der angeblichen Tat.

Die Glaubwürdigkeitszweifel würden der Verteidigung von Strauss-Kahn bei einem Strafprozess erhebliche Vorteile bieten. Und die Ermittler waren vom Gesetz her ohnehin verpflichtet, die Rechtsvertreter des Sozialisten von den wichtigen Erkenntnissen zu informieren.
Flucht nach vorn


Deshalb traten die Staatsanwälte nun die Flucht nach vorn an. Die neuen Fakten lassen es nun sogar als möglich erscheinen, dass Strauss-Kahn eine Sex-Falle in der Hotelsuite gestellt wurde.

Der Anwalt des Zimmermädchens beharrte am Freitag allerdings darauf, dass es ein Verbrechen gegeben habe. "Sie wurde in Afrika von Soldaten vergewaltigt und sie wurde auch hier sexuell genötigt." Die bei der Frau festgestellten Verletzungen und sichergestellten Spuren würden schließlich ihre Version der Ereignisse unterstützen.

Zur dramatischen Wende haben vermutlich auch jene früheren CIA-Mitarbeiter und Ex-Staatsanwälte beigetragen, die von dem Angeklagten angeheuert worden waren. Strauss-Kahn hatte die letzten vier Wochen unter Hausarrest mit einer elektronischen Fußfessel und unter den Augen eines bewaffneten Wärters in einem luxuriösen Reihenhaus im Süden Manhattans verbracht. Er musste eine Kaution und Bürgschaften in Höhe von sechs Millionen Dollar hinterlegen und durfte das Anwesen nur für zuvor genehmigte Arzt-, Anwalts- und Synagogenbesuche verlassen.

Die Monatskosten für seine Sicherheit mußte seine Familie tragen - geschätzt auf 200.000 Dollar pro Monat. Auch wurde sein Reisepass aufgrund der Schwere der Vorwürfe beschlagnahmt. Der Pass bleibt dem Richterbeschluss folgend weiter unter Verschluss. Doch eine Einstellung des Verfahrens erschien am Freitag Justizexperten in den USA nur noch eine Frage der Zeit und könnte bereits am 18. Juli, dem Tag des nächsten Gerichtstermins, erfolgen.

Chronkik:
14. Mai: Strauss-Kahn wird von einem Zimmermädchen in New York der versuchten Vergewaltigung beschuldigt und festgenommen.
16. Mai: Ein Gericht lehnt eine Freilassung gegen Kaution ab.
18. Mai: Strauss-Kahn tritt als Direktor des Internationalen Währungsfonds zurück.
19. Mai: Ein Gericht setzt eine Kaution von einer Million Dollar fest. Er soll überwacht werden.
20. Mai: Strauss-Kahn wird gegen Kaution freigelassen.
24. Mai: Die bei Strauss-Kahn entnommene DNA stimmt offenbar mit dem Material auf der Kleidung des Zimmermädchens überein.
25. Mai: Antritt zum Hausarrest in einer luxuriösen Wohnung in Manhattan.
6. Juni: Der frühere IWF-Chef erklärt sich für nicht schuldig.
30. Juni: Gewährsleute erklären, die Staatsanwaltschaft zweifle die Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens an.

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