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"Sie haben so viele Fehler gemacht!"

"Sie haben so viele Fehler gemacht!"

Mit der Vernehmung des Piloten der vor neun Jahren abgestürzten Fokker 50 der luxemburgischen Fluggesellschaft Luxair ist der Prozess um das Unglück gestern in seine entscheidende Phase gegangen. Bei der Katastrophe waren 20 Menschen gestorben.

Luxemburg. Ausgerechnet an seinem Geburtstag muss der Pilot der vor genau neun Jahren abgestürzten Fokker vor den Richter treten. Über zwei Stunden befragt dieser den gestern 36 Jahre alt gewordenen Claude Poeckes, ohne dass dessen Verteidiger für ihn das Wort ergreifen darf. Während der gesamten Befragung steht der sehr eingeschüchtert wirkende Poeckes direkt vor Richter Prosper Klein, der immer wieder fragt: "Warum?" Warum hat sich ein von allen Kollegen gelobter und vor allem erfahrener Pilot nicht an die Vorschriften gehalten? Warum trifft ein Pilot eine solch unüberlegte Entscheidung und leitet die Schubumkehr ein und bringt die Propeller der Fokker 50 damit in eine Stellung, die nur nach der Landung erlaubt ist? "Sie haben so viele Fehler gemacht wie ein ganzer Kartenstapel in einem Kartenspiel!", sagt Klein dem Angeklagten ins Gesicht.
Er gehe nicht davon aus, dass er und der bei dem Absturz ums Leben gekommene Co-Pilot etwas falsch gemacht hätten, sagt Poeckes mit leiser, stockender Stimme. Keine Frage. Da steht ein gebrochener Mann vor Gericht. Zusammen mit sechs weiteren Angeklagten, darunter der damalige Luxair-Chef, muss sich der Pilot, der zusammen mit einem französischen Passagier als einziger das Unglück überlebt hat, seit einem Monat verantworten. Nach 13 Verhandlungstagen steht bereits fest, dass der Vater zweier kleiner Kinder die Hauptschuld an der größten Katastrophe der Luxair trägt. Er bedaure den Tod so vieler Menschen, sagt er.
Poeckes hatte trotz dichten Nebels entschieden, die Maschine zu landen. Zunächst lag die Sicht unter 300 Metern, zu wenig, um die Fokker sicher herunterzubringen. "Theoretisch durften wir nicht landen", sagt er. Der Flughafen sei für sie zu gewesen, berichtet der Pilot vor Gericht.
Doch er weigerte sich, weiter nach Saarbrücken zu fliegen. "Ich gehe nicht nach Saarbrücken", sagt Poeckes 15 Minuten vor dem Absturz im Cockpit. Zuvor hat der damals 26-Jährige Pilot gesagt, dass er dringend nach Hause müsse, weil er auf die Toilette wolle. "Ich packe es sonst nicht mehr." Das geht aus der am Montag im Gerichtssaal vorgespielten Aufzeichnung des Stimmenrekorders hervor, die erstmals öffentlich gemacht wurde.
Prozessbeobachter sind erstaunt über die Kommunikation der beiden Piloten während des Fluges. Diese unterhalten sich über ihre Jugend, albern herum. Das zeuge nicht unbedingt von einer professionellen Einstellung, bringt es der Richter gestern gegenüber Poeckes auf den Punkt. "Ich bin nicht stolz auf das, was in dem Stimmenrekorder zu hören ist", entgegnet dieser leise.
Als sich die Sicht auf dem Flughafen besserte, gab die Flugkontrolle dann doch noch die Landebahn frei. Obwohl der Pilot sich kurz vorher entschieden hatte, noch eine Warteschleife zu fliegen, und der Co-Pilot gerade den Passagieren mitgeteilt hatte, dass sich die Ankunft in Luxemburg wegen dichten Nebels verzögern werde, leitete Poeckes eigenmächtig die Landung ein. Ohne seinen Co-Piloten und die Passagiere darüber zu informieren. Laut Stimmenrekorder dauerte es danach noch 18 Sekunden, bis die Maschine auf einem Feld ein paar Kilometer vor der Landebahn zerschellte.
Vor der Vernehmung des Piloten wurde im Gericht ein Video über den in einem Flugsimulator nachgestellten Landeanflug gezeigt. Es macht deutlich, dass der Hebel zur Schubumkehr nur durch Lösen einer Sicherung betätigt werden kann und dass dieser danach nicht mehr in die Flugposition zurückgeschoben werden kann. Er sei der Meinung, dass er den Hebel nicht betätigt habe, sagt Poeckes, verweist aber auf Erinnerungslücken. Es sei ein Impuls, eine Art Reflex gewesen, statt wie zunächst vorgesehen durchzustarten, dann doch zu landen.
"Also eine unüberlegte Handlung", insistiert der Richter mehrmals. "Ja", gibt Poeckes zu.