Sie werden überrascht sein!

TRIER. Wer glücklich sein will, muss auf Zufälle achten, schreibt Stefan Klein. Was steht hinter dieser These? Das erklärt der Bestseller-Autor im Interview mit dem TV - und gibt seinen Lesern den ultimativen Glückstipp für 2005.

Wir alle wünschen uns für das neue Jahr, glücklich zu sein. Sie sagen: Eine Voraussetzung dafür ist, Zufällen Raum im Leben zu geben. Was machen wir jetzt mit all unseren schönen Plänen?Klein: Das Falscheste wäre, sie wegzuwerfen. Auf Zufälle zu achten und Pläne zu machen widerspricht sich überhaupt nicht. Der Zufall beglückt nur den gut vorbereiteten Geist, hat der Wissenschaftler Louis Pasteur einmal gesagt. Er hat durch Zufall herausgefunden, wie Impfungen funktionieren - weil ihm ein paar Hühner krank geworden sind. Allerdings hatte er zuvor 20 Jahre lang an diesem Thema gearbeitet. Also: Pläne sind wichtig. Aber? Klein: Falsch ist es, wenn wir uns allein auf unsere Pläne verlassen und das Unerwartete nicht mehr sehen, das das Leben uns bietet. Wir neigen dazu, unsere Möglichkeiten, das Leben zu planen, zu überschätzen. Dagegen hilft es, mehr links und rechts des Weges zu schauen und auf Unerwartetes zu achten. Warum machen Zufälle glücklich? Klein: Unser Gehirn ist darauf programmiert, auf Unerwartetes besonders stark zu reagieren - mit der Ausschüttung von Hormonen, die unter anderem für Glücksgefühle sorgen. Wenn Ihnen etwas Unerwartetes passiert, wenn Sie beispielsweise eine Wette gewinnen, reagieren Sie darauf ganz ähnlich, wie wenn Sie verliebt sind. Das ist das eine. Zum anderen ist der Zufall der Motor alles Neuen, auch aller positiven Veränderungen. Zufälle sind große Chancen für uns. Leute, die für Glückspilze hält, unterschieden sich von anderen in einer einzigen Angewohnheit: Sie haben gelernt, mehr auf Unerwartetes zu achten und Nutzen daraus zu ziehen. Wie erkenne ich die Chance im Zufall? Wie nutze ich sie? Und kann ich das trainieren? Klein: Wenn Sie kein Fußball-Fan sind, dann gehen sie einmal ins Fußball-Stadion und wenn sie kein Opern-Fan sind, in die Oper. Oder laden Sie Leute zu sich ein, die sie nicht so gut kennen. Auf diese Weise können Sie lernen, mit weniger Vorhersehbarkeit auszukommen. Sie machen sich aufmerksamer für das Unerwartete und lernen, die Chancen des Zufalls zu nutzen. Gerade in Zeiten, die ohnehin als unsicher empfunden werden, wären viele froh, alles liefe genau nach Plan. Das Wort Zufall weckt oft ein ungutes Gefühl. Warum? Klein: Natürlich gibt es auch Überraschungen, die uns nicht so gut in den Kram passen. Und auf negative Ereignisse reagieren wir immer stärker als auf positive. Wenn unser Anlass zu Hoffnung und Furcht gleich groß ist, überwiegt immer die Furcht. So sind wir Menschen programmiert. Damit fürchten wir uns immer mehr vor den Risiken, als wir auf die Chancen hoffen. Genau dadurch vergeben wir viele Chancen. Gibt es gute und schlechte Zufälle? Klein: Die wenigsten Zufälle sind eindeutig gut oder schlecht. Ein Beispiel: Durch einen dummen Zufall springt Ihr Auto nicht an, dann geraten Sie in einen Stau und kommen zu spät zu einem Bewerbungsgespräch. Der Arbeitgeber schickt sie wieder nach Hause. Die meisten Leute würden wahrscheinlich sagen, dass ist ein schlechter Zufall. Ich bin mir da nicht so sicher. Sie können drei Wochen später über ein Arbeitsangebot stolpern, das viel besser zu ihnen passt. Oder Sie klagen jemandem Ihr Leid, der sich als der Mann ihres Lebens erweist. Wir haben eine große Freiheit, wie wir die Dinge bewerten. Der ein oder andere wird sich schwer tun mit dem Gedanken, dass alles, was er erreicht hat, Zufall war! Klein: Ich glaube in der Tat, dass sehr viele Dinge im Leben Zufall sind und wir keinen Einfluss darauf haben. Aber wir haben großen Einfluss darauf, was wir aus diesen Ereignissen machen. Wir wissen heute zum Beispiel, dass Menschen nicht deswegen miteinander Kontakt anknüpfen, weil sie füreinander bestimmt sind, sondern weil sie gerade in der Stimmung sind, Kontakt anzuknüpfen. Das geschieht völlig zufällig. Nun entspinnt sich ein Gespräch, vielleicht ein Flirt, aber nicht aus jedem Flirt wird eine Affäre, nicht aus jeder Affäre eine Partnerschaft und nicht aus jeder Partnerschaft eine Ehe. Wie weit wir gehen wollen, das entscheiden wir. Die entscheidende Frage ist, was wir aus Zufällen machen. Was kann ich denn neben einer neuen Wertschätzung des Zufalls tun, um glücklich zu sein? Klein: Das ist Gegenstand eines ganzen Buches! Aber ich gebe Ihnen gerne ein paar Stichworte: Kontraste im Leben suchen, Abwechslung. Negative Gefühle zwar nicht unterdrücken, aber lernen, sie zu kontrollieren. Hilfreich ist Sport, und natürlich auch Sex. Glück ist ein sehr körperliches Gefühl - wir vergessen häufig, wie eng Körper und Seele zusammenhängen. Haben Sie einen ultimativen Glückstipp 2005 für unsere Leser? Klein: Ja! Probieren Sie, mehr im Moment zu leben. Treten Sie ab und an einen Schritt zurück von Ihren Plänen - das heißt nicht, dass Sie sie begraben sollten. Vergessen Sie sie nur für einen Moment, und sehen Sie, was das Leben Ihnen in diesem Augenblick bietet. Sie werden überrascht sein! S Mit Stefan Klein sprach TV-Redakteurin Inge Kreutz.