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Sind Akademiker eine Gefahr für das Handwerk?

Sind Akademiker eine Gefahr für das Handwerk?

Noch immer denken viele Eltern, dass ihr Kind nur mit Abitur später Erfolg im Beruf haben wird. Die Unternehmen in der Region sehen jedoch in diesem "Akademisierungswahn" eine Gefahr für den Mittelstand.

Trier. "Ist das Handwerk noch zu retten?" fragt die Trierer Handwerkskammer (HWK) provokativ in einer 24-seitigen Broschüre. Darin geht es nicht um Untergangsszenarien. Vielmehr wird davor gewarnt, dass durch den zunehmenden Run auf die Gymnasien, den Glauben, nur mit Abitur beruflich Erfolg haben zu können und die durch Betriebe häufig festgestellte mangelnde Bildung die Qualität des Handwerks auf Dauer leide. Es sei ein Denkfehler der Eltern, dass nur Abitur zu gut bezahlten Jobs führe, warnt auch Marcus Kleefisch von der Trierer Industrie- und Handelskammer. Es müsse schon den Grundschuleltern vermittelt werden, dass die betriebliche Ausbildung gleichbedeutend sei mit einer Akademikerlaufbahn. "Wir brauchen wesentlich mehr Fachkräfte als neue Akademiker", warnt Kleefisch vor dem "Akademisierungswahn".
Dabei wurde genau das jahrelang von Bildungsexperten gefordert. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hinkt Deutschland mit einer Studierendenquote von 53 Prozent noch deutlich hinter dem internationalen Standard zurück. Doch selbst die Gymnasiallehrer warnen nun davor, in der Hochschulreife das Nonplusultra der beruflichen Perspektiven zu sehen. Zwar sei Rheinland-Pfalz noch weit von einer Abiturientenquote von über 50 Prozent entfernt, doch die steigende Zahl der Abiturienten führe dazu, dass das Niveau der Hochschulreife sinke, sagt Malte Blümke, Landesvorsitzender des Philologenverbandes, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer.
Auf einem gefährlichen Weg


"Wirtschaftlicher Erfolg mit geringer Arbeitslosigkeit kann nur durch ein gleichwertiges System von akademischer und beruflicher Bildung erreicht werden. Es ist höchste Zeit, dass Deutschland den gefährlichen Weg verlässt und sich auf seine Stärken in Industrie, Handel und Handwerk besinnt", warnt Blümke.
Im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium hält man den steigenden Anteil der Abiturienten - laut einem Ministeriumssprecher ist dieser in den vergangenen fünf Jahren von 31 auf 39 Prozent eines Jahrgangs gestiegen - als Beweis dafür, dass das Schulsystem durchlässiger geworden ist. Die Möglichkeiten zum Erwerb der Hochschulreife seien in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet worden. "Dies zeigt: Die Landesregierung legt großen Wert auf ein vielfältiges und attraktives Schulangebot, mit hoher Durchlässigkeit und vielen Aufstiegsmöglichkeiten", lobt Ministeriumssprecher Wolf-Jürgen Karle die Bildungspolitik des Landes.
Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht keine Entwertung des Abiturs. "Allein aus der Tatsache, dass immer mehr Schüler das Abitur erreichen, darauf zu schließen, ist abwegig", sagt VBE-Landesgeschäftsführer Hjalmar Brandt. Das zeuge von einem "selektiven schulpolitischen Denken, das nur dann einem Abschluss einen Wert beimisst, wenn ihn wenige erreichen". Das Abitur vermittele im Bewusstsein der breiten Bevölkerung "die meisten und besten Zukunftschancen". Brandt: "Kein Wunder also, wenn das Abitur das Ziel der meisten Eltern für ihr Kind ist."
Der Koblenzer Bildungsforscher Stefan Sell sieht darin eine Gefahr. Bereits jetzt gebe es in vielen Berufen einen Fachkräftemangel. Dieser werde durch die "ungesteuerte Akademisierungswelle" weiter verschärft.