Sinnlose Panikmache

Es klingt zynisch, es klingt absurd, und doch: Wäre die baskische Bombenleger-Bande Eta für das Blutbad in Madrid verantwortlich - die Europäer entledigten sich nach kurzer Zeit des Trauerflors und gingen zur Tagesordnung über.

Die Spanier und ihr Separatisten-Problem? Ein regionaler Krisenherd, nichts weiter. Ein Risikofaktor vielleicht für Touristen, zumal deutsche, die sich auf Mallorca oder an der Costa Brava längst heimischer fühlen als auf Usedom oder im Teutoburger Wald. Aber kein Anlass zu wirklicher Sorge. Allerdings: Die Indizien deuten auf islamistische Attentäter hin. Eine neue Qualität der Bedrohung - die auch hierzulande sogleich hektische Debatten um die Innere Sicherheit anstößt. Spanien, für Islam-Terroristen blutiges Einfallstor nach Europa? El-Kaida-Kommandos direkt vor der Haustür? Osama bin Ladens Todesboten in mörderischer Mission mitten unter uns? Nichts ist bewiesen, die Schockwelle aber droht Hysterie auszulösen - wie unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September 2001: verdächtige Koffer, Milzbrand-Erreger, gefährliche Umtriebe allerorten. Ein Klima der Angst. Genau das bezwecken Terroristen. Ihre Botschaft: Niemand ist sicher, nirgends. "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod", heißt es in dem angeblichen El-Kaida-Video, das in Madrid gefunden worden ist. Die Anschläge seien eine Antwort auf die spanische Unterstützung des Irak-Feldzugs. Sie sollen zeigen: Der Anti-Terror-Kampf des George W. Bush und seiner Verbündeten hat nichts bewirkt. Im Gegenteil: Islamistische Killer sind im Stande, überall auf der Welt zuzuschlagen. Jederzeit. Allein der Verdacht genügt, die Sicherheitslage in allen europäischen Ländern dramatisch zu verändern. Auch in Deutschland. Alte Vorschläge werden aus den Schubladen gezogen: der Einsatz der Bundeswehr im Innern, die Forderung, gewaltbereite Ausländer ohne Urteil abschieben zu können. Schon wird darüber diskutiert, nach französischem Vorbild das Schengener Abkommen auszusetzen und die Grenzen "dicht zu machen". Von Stammtischparolen wie "Olympische Spiele in Athen absagen!" oder "Panzer vor alle Bahnhöfe!" ganz zu schweigen. Sinnlose Panikmache, die einige Politiker, einige Meinungsführer, einige Medien gezielt befördern, und die den Terroristen in die Hände spielt. Angesichts der Drohkulisse und der Ansage weiterer verheerender Attentate ist der Verzicht auf ein Stück Liberalität vorgezeichnet. Es gilt, die "gefühlte" Sicherheit der Menschen in diesem Land zu erhöhen - das fordert die Union ohnehin, dem kann sich die rot-grüne Regierung nicht verschließen. Wohl wissend, dass die ständige Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen zu einem Paradoxon führt: Gesucht wird nach der Stecknadel im Heuhaufen, zugleich aber immer mehr Heu auf den Haufen gekippt. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Selbst in einem Überwachungsstaat nicht. p.reinhart@volksfreund.de