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Skandal oder Vernetzung?

Es ist momentan ziemlich einfach, auf den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zu schimpfen. Nach seinem Dienstende als Regierungschef hat Schröder beim russischen Gasversorger Gasprom angeheuert.

Ausgerechnet Gasprom baut aber die Ostsee-Pipeline, ein Projekt, das die Bundesregierung unter Schröder immer gefordert hat. Unter anderem - wie jetzt bekannt geworden ist - mit einer Staatsbürgschaft. Jetzt scheint der Fall glasklar zu sein, allerorten ertönen Schimpftiraden auf den Kanzler a.D. Durch die Lande wabert (noch) unausgesprochen der Vorwurf der Bestechlichkeit. Vielleicht ist dieser "Fall" aber doch nicht so ganz einfach. So fordert der niedersächsische Ministerpräsident Wulff, dass Regierungsmitglieder grundsätzlich kurz nach ihrem Ausscheiden nicht in Unternehmen anfangen dürften, mit denen sie vorher zu tun hatten. Das dürfte im Fall Schröder wohl eher schwierig sein. Als Bundeskanzler hat er es perspektivisch mit allen Unternehmen zu tun. Wo bleibt da die Forderung, dass es mehr Praktiker in Parlamenten und Regierungen geben soll? Welche Führungskraft aus der Wirtschaft wird sich denn in einer Regierung engagieren wollen, wenn er oder sie nach seinem Ausscheiden erst noch eine Schonfrist abwarten muss? Das, was Schröder getan hat, wird andernorts als die hohe Kunst der Vernetzung, neudeutsch "Networking", bezeichnet. Er nutzt seine Kontakte, um einen Job zu finden. Vielleicht ist es eine neue Erfahrung, dass Regierungschefs nach ihrer Amtszeit in die Wirtschaft gehen und nicht ein Versorgungspöstchen bei einer Stiftung absitzen. Aber daran müssen wir uns wohl gewöhnen. a.houben@volksfreund.de