So ganz mit sich im Reinen

BERLIN. Altkanzler Schröder hat die Präsentation seiner Memoiren "Entscheidungen" am Donnerstag noch einmal als große Gerd-Show inszeniert. 250 Presseleute kamen dazu in die Berliner SPD-Zentrale.

"Machen Sie mal was Gutes", ruft Gerhard Schröder den Journalisten zum Abschied zu und lacht breit. Er sagt nicht "Machen Sie es gut". Die Journalisten lachen mit, obwohl der Satz Presseschelte ist. Der Altkanzler spielt mit den Medien wie zu seinen besten Zeiten. Und sie spielen mit. Entspannt steht Schröder am Pult, ein Bein angewinkelt, wie immer, wenn er sich beim Reden wohl fühlt. Neben ihm die bronzene Willy-Brandt-Figur. Dem großen Vorbild ist Schröder, glaubt man der Laudatio von Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker, historisch ebenbürtig. "In allen Beziehungen", sagt Juncker."Am besten ist, man hat etwas zu arbeiten"

Schröder ist bar aller politischen Ämter, aber obenauf. Ihm gehe es mit seinem Buch darum, "meinen Beitrag zu leisten zur Bewertung der sieben Jahre", sagt der Autor. Im Vergleich zu Vorgänger Helmut Kohl, der schon vier Jahre Privatmann war, als er 2002 "meine Sicht der Dinge" vorstellte, wirkt Schröder allerdings wesentlich entspannter. "Ich bin mit mir im Reinen" sagt er. Obwohl er anfangs durchgehangen habe, obwohl er gerne wieder Kanzler geworden wäre. "Am besten ist in so einer Situation, man hat etwas zu arbeiten." Wie er das sagt, so von Kumpel zu Kumpel, fängt er nebenbei Journalisten ein, die vielleicht kritisch nach seinem Engagement für die Ostseepipeline fragen könnten. Das fragt denn auch keiner. Kritisch will einer aber wissen, warum er sein Buch vorab in "Bild" veröffentlicht habe, der er früher "Hetzerei" vorwarf. Schröder grient: "Man darf doch nicht ein Leben lang nachtragen", sagt er mit Unschuldsmiene. Der Saal lacht. Jeder weiß, dass Schröder sich die Medien jetzt danach aussucht, ob sie nützlich sind für die Vermarktung. Der Altkanzler legt noch eins drauf, indem er genau dies zugibt. "Vielleicht hilft die Vorabveröffentlichung ja, ein wirklich wichtiges Buch zu verbreiten." Die Selbstironie bei "wirklich wichtig" ist nicht zu überhören. Das ist die Methode Schröder. Er ist lustig drauf, und keiner kann ihm wirklich böse sein. Jetzt nicht mehr. Die ganze Schröder-Entourage ist mitgekommen zu diesem Ereignis, und sogar Altpräsident Walter Scheel (FDP) hat sich mit Gattin in die erste Reihe gesetzt. Jean-Claude Juncker sagt zwar gleich zu Beginn, dass er, selbst wenn er könne, Schröder nicht huldigen wolle, zumal er Christdemokrat sei. Aber wie der Luxemburger dann fast eine Stunde lang über seinen Duzfreund redet, ist sogar mehr als eine Huldigung. Es gipfelt in dem Satz, Schröder sei "ein großer Kanzler" gewesen. Vor allem als Juncker über Schröders ärmliche Kindheit spricht, kommt regelrecht Wehmut auf. Der Premier aber ist auch ein Meister der in Ironie verpackten Kritik: "Das Buch hört auf zärtlich zu sein, wenn es sich dem späteren Leben zuwendet", sagt er trocken. Es "strotze" sogar vor Rechtfertigungen. Juncker piekt auch die Schwächen dieses Kanzlers auf. Schröder schiebt bei diesen Passagen das Kinn vor und zerlegt mit den Fingern eine Büroklammer. Eine "etwas schwächere Phase" sei zum Beispiel anfangs die Europapolitik gewesen, meint Juncker. "Ich war für den Euro, Schröder noch auf dem Weg dahin." Doch am Ende habe Schröder Europa verstanden und sei sogar "die treibende Kraft" geworden. "Ich würde sagen, du warst ein Spätberufener." Jetzt kann Schröder befreit auflachen. Dabei dreht er sich wie unabsichtlich zur Seite. Zu den Kameras. Man hört das vertraute Geräusch: Klick, klick, klick.

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