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So kaufte "Eduard" Rumäniendeutsche frei

So kaufte "Eduard" Rumäniendeutsche frei

230 000 Rumäniendeutsche hat der heute 83 Jahre alte Neusser Rechtsanwalt Heinz-Günther Hüsch zwischen 1967 und 1989 vom damaligen Diktator Nicolae Ceausescu freigekauft - für über eine Milliarde Mark (rund 500 Million Euro) und unter abenteuerlichen Umständen.

Berlin. "Natürlich wussten wir, dass das Geld das System stabilisiert", sagt Heinz-Günther Hüsch. "Aber es war eine große humanitäre Aktion, und es war richtig so zu handeln". Hüsch trat am Mittwochabend anlässlich der Präsentation des MDR-Dokumentarfilmes "Deutsche gegen Devisen - ein Geschäft im Kalten Krieg" (kommenden Montag, 23.30 Uhr, ARD) erstmals vor einem größeren Publikum öffentlich auf. Sein damaliger Auftrag, erteilt vom Innenministerium, trug den Decknamen Geheimsache Kanal und war strikt vertraulich. Nur der jeweilige Innenminister sowie der Kanzler wussten Bescheid. Und selbst in der eigenen Kanzlei weihte Hüsch nur wenige ein. Seine Schwester tippte die Verhandlungsprotokolle und Verträge, sein Sohn begleitete ihn als Bodyguard.
Denn das Geld für den Freikauf wurde von Hüsch in einem schwarzen Koffer in bar übergeben. Stets ohne Quittung. "Sechs Millionen Mark passten rein, wenn man etwas quetschte", schilderte Hüsch. 220-mal traf er in all den Jahren seine rumänischen Verhandlungspartner, die vom berüchtigten Geheimdienst Securitate kamen. Der kaufte für 20 Prozent der Einnahmen westliche Abhörtechnik, um die eigenen Leute noch besser drangsalieren zu können.
Auch Hüsch (Foto: dpa) wurde ausgeforscht. In den rumänischen Geheimdienstakten wurde er als "Eduard" geführt. Der Rest des Geldes wanderte wohl auf ein Konto in der Schweiz, über das Ceausescu verfügen konnte. Dass Deutschland direkt Sicherheitsmaterial nach Bukarest geliefert habe, schloss Hüsch kategorisch aus.
Das rumänische Regime ging äußerst menschenverachtend vor. Es sortierte die Ausreisenden in Kategorien ein und verlangte mehr Geld pro Kopf, je höher ihr Bildungsgrad war. Und ständig stiegen die Preise. Wurden 1968 im Schnitt 1500 Mark pro Person gezahlt, so waren es in den 1980er Jahren 8000 Mark. Zudem zeigte sich Deutschland mit Krediten und Sachleistungen, etwa medizinischem Gerät, erkenntlich, so dass die Gesamtsumme der Leistungen an Rumänien laut Hüsch zwischen einer und drei Milliarden Mark lag. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum kaufte die Bundesrepublik auch etwa 34 000 Häftlinge aus der DDR frei, für insgesamt 3,5 Milliarden Mark.
Die von Hüsch jährlich ausgehandelten Verträge legten fest, wie viele Rumäniendeutsche pro Jahr ausreisen durften, aber nicht welche. Das missbrauchte das Regime, um die Menschen zusätzlich zu drangsalieren.
Einen anfänglichen Versuch Ceausescus, den Ausreisenden noch eine Art Zwangsabgabe als Ausgleich für die in Rumänien verursachten Ausbildungskosten abzupressen, konnte die deutsche Seite noch abwenden. Nicht aber ein umfassendes Schmiergeldsystem, das danach einsetzte. Wer auf die Listen wollte, musste an Securitate-Leute zahlen. In Devisen und ohne Beleg, versteht sich. Wer kein Westgeld hatte, musste sich verschulden. Auch "sexuelle Dienstleistungen" seien als Gegenleistung verlangt worden.
Der Zeitzeuge Helmuth Frauendorfer, der 1987 nach Deutschland kam, sagte, er lehne es ab, über die Freikaufaktion die "Moralkeule" zu schwingen. Es sei das alte Dilemma: "Entweder man lässt sich auf solche verbrecherischen Partner ein, oder man lässt die Leute verrecken".