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So sieht die City der Zukunft aus: Welche Änderungen das neue Baurecht bringen soll

So sieht die City der Zukunft aus: Welche Änderungen das neue Baurecht bringen soll

Aufbruch ins "urbane Gebiet": Die Bundesregierung will das Baurecht ändern. Künftig werden Gewerbe und Wohnungen in Städten näher aneinanderrücken. Mehr Lärm ist zu tolerieren. Dafür erhoffen sich Stadtplaner, schneller und auch konfliktfreier bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Die Alten ziehen nach Trier. Was sollen sie schon alleine auf dem Dorf in ihren viel zu großen Häusern, mit 1000 Quadratmeter großen Gärten, die gepflegt werden müssen, wo die Kinder weit weg sind, der nächste Arzt und der nächste Supermarkt auch? Hinzu kommen die Studenten, die Flüchtlinge, die Luxemburger. Sie suchen kleine günstige Apartments und große, schicke Altbauwohnungen.

Trier gehört zu den Städten, die landesweit am schnellsten wachsen. Rasant ist auch das Wachstum der Preise, die man für Wohnraum zahlen muss. Und so verlassen insbesondere junge Familien die Moselmetropole, um sich überhaupt eine größere Wohnung oder ein Häuschen leisten zu können. "Gerade die wollen wir aber nicht verlieren", sagt Andreas Ludwig, Baudezernent Triers. Dies seien die Leistungsträger der Gesellschaft. Menschen, die noch viele Jahre lang Steuern zahlten.

Doch ihnen günstigen Wohnraum zu bieten, wird immer schwieriger. "Wir können den Meulenwald oder den Mattheiser Wald ja nicht abholzen", sagt Ludwig. Die Fläche, die Trier zur Verfügung steht, ist begrenzt. Und so ist die weitere "Verdichtung" der Wohnbebauung schon jetzt ein zentraler Ansatz der Stadtplanung. "Innen- geht vor Außenentwicklung", betont Ludwig.

So wurden mögliche Baulücken in Trier-Nord jüngst unter die Lupe genommen: 810 neue Wohneinheiten könnte man in dem Stadtteil theoretisch bauen, wenn man sie füllte. Allerdings wissen die Trierer Stadtplaner aus Erfahrung, dass die Konflikte größer werden, je dichter die Häuser aneinanderrücken. Sie gehen davon aus, dass das neue Baurecht, welches im kommenden Frühjahr verabschiedet werden soll , ihnen in der Praxis sehr helfen könnte. Hier ein Überblick, was sich nach Wunsch von Bundesbauministerin Barbara Hendricks ändern soll:

Dichter: Städte können künftig "urbane Gebiete" ausweisen, in denen sowohl Wohnbauten als auch Gewerbebetriebe entstehen. Dort darf dichter gebaut werden als in üblichen Mischgebieten: Gebäude dürfen nicht nur 60 Prozent, sondern 80 Prozent der Grundstücksfläche abdecken. Das entspricht einer Grundflächenzahl von 0,8. Die Bundesarchitektenkammer sieht in dieser Verdichtung den richtigen Weg. Neubaugebiete sollten aus ihrer Sicht das letzte Mittel sein.

Höher: Nicht nur dichter, auch höher darf gebaut werden. Frei nach dem Motto "Licht, Luft, Sonne" hatte man Anfang des 20. Jahrhunderts festgelegt, wie viel Fläche die Geschosse eines Gebäudes insgesamt in Bezug zur Grundstücksfläche einnehmen dürfen. Eine recht komplizierte Maßeinheit entstand: die Geschossflächenzahl. Wie vor rund 100 Jahren liegt diese derzeit bei 1,2. Das bedeutet: Ein städtisches Grundstück von 1000 Quadratmetern darf in allen Geschossen zusammen nicht mehr als 1200 Quadratmeter Flächen haben. Das soll sich nun ändern. Die Geschossflächenzahl wird auf 3 erhöht. Auf dem gleichen städtischen Grundstück dürften damit künftig insgesamt 3000 Quadratmeter Wohn- oder Gewerbefläche entstehen.

Bunter: In Mischgebieten müssen Gewerbe und Wohnbebauung bisher im Verhältnis 50:50 entstehen. "Das sind undankbare Baugebiete", sagt Baudezernent Ludwig. Denn dieses Gleichgewicht sei schwer erreichbar und Ärger programmiert. Entstehen zu viele Wohnhäuser, darf irgendwann nur noch Gewerbe gebaut werden, und die, die zu spät kommen, sind sauer. Nicht selten kommt es zu Klagen. Nicht selten kommt es dazu, dass Betriebe in diesen Gebieten als Störenfriede dastehen. Daher verspricht sich auch Stadtplaner Stefan Leist, dass die Gesetzesänderungen eine erhebliche Hilfe sein werden. Muss die Nutzungsmischung zwischen Gewerbe und Wohnen künftig doch nicht mehr gleichmäßig sein.

Lauter: Weil Gewerbe und Wohnungen so näher aneinanderrücken, darf es in "urbanen Gebieten" um drei Dezibel lauter werden als in den bisherigen Mischgebieten.

Schneller: Um den Wohnungsbau zu erleichtern, will das neue Gesetz es ermöglichen, Baugebiete im Außenbereich im "beschleunigten Verfahren" zu planen. Eine aufwendige Umweltverträglichkeitsprüfung würde dann wegfallen, was die Bundesarchitektenkammer sehr kritisch sieht. Denn wenn Neubaugebiete viel schneller ausgewiesen werden können, konterkariere dies die Bemühungen, den Flächenverbrauch zu senken.

Die Neuregelung gilt nur für Gebiete unter 10 000 Quadratmeter Fläche, die an bebaute Ortsteile angrenzen, und sie gilt auch nur bis zum 31. Dezember 2019. Leist und Ludwig sehen auch dies als Hilfe. Umweltbelange würden weiter geprüft, aber man müsse so nicht "das ganz große Rad der Umweltverträglichkeitsprüfung drehen".

Trotzdem sportlich: Die dichter werdende Stadt solle nicht auf Kosten des Sports wachsen, sagt Bundesbauministerin Barbara Hendricks: "Wir brauchen Sportplätze in der Stadt - für die Gesundheit, aber auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Kinder, die nicht mal eben an den Stadtrand fahren können." Zusammen mit der Baurechtsnovelle hat das Kabinett daher auch die Änderung der Sportanlagenlärmschutzverordnung beschlossen. Damit wird der erlaubte Lärmpegel für die abendliche Ruhezeit sowie die nachmittägliche Ruhezeit an Sonn- und Feiertagen um fünf Dezibel erhöht.

Zum Urlauben: Die Gesetzesänderung betrifft auch Ferienwohnungen. Sie beseitigt die Rechtsunsicherheit bei der Frage, ob diese in Wohngebieten gebaut werden dürfen: Das ist künftig grundsätzlich erlaubt. Doch bekommen Gemeinden mehr Steuerungsmöglichkeiten: Sie entscheiden, ob Gründe gegen Ferienwohnungen sprechen.Meinung

Sinnvoll, aber nicht ohne GefahrDie geplante Änderung des Baurechts ist pragmatisch, auch wenn sie Gefahren birgt. Sie ist sinnvoll, denn die Landflucht geht ungebremst weiter. Immer mehr Menschen wollen in den Städten leben. Und die dürfen nicht nur für die Reichen da sein! Doch, wo Wohnraum knapp ist, steigen die Preise - eine Entwicklung, mit der Trier und die anderen "Schwarmstädte" Deutschlands zu kämpfen haben. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu bauen. Die Frage ist nur, wie und wo. Nicht nur, wo der Platz so knapp ist wie im Moseltal, ist es sinnvoll, höher und dichter zu bauen, statt immer neue Flächen unter Asphalt und toten Vorortsiedlungen zu begraben. Es ist ökologisch besser und zudem deutlich günstiger, erst einmal Baulücken oder innerstädtische Gewerbebrachen zu füllen. Allerdings steigt auch das Konfliktpotenzial mit jedem Meter, den die Menschen und Betriebe der Stadt näher aneinanderrücken. Um dieses zu entschärfen, soll auch der erlaubte Lärmpegel erhöht werden. Das ist zwar konsequent. Es wird die Lebensqualität allerdings nicht verbessern. Und damit wären wir bei den Gefahren: Die Stadt der Zukunft ist lauter. Sie ist enger. Sie ist voller. Sie muss mit mehr Autos und Abgasen zurechtkommen. Und sie ist wohl weder schöner noch liebenswerter als heute. So sinnvoll die Pläne sind: Stadtplaner dürfen nicht vergessen, Orte zu erhalten und zu schaffen, wo der Mensch Ruhe und Erholung findet. Eine lebenswerte Stadt braucht Bäume, Plätze, Parks, Panoramen oder Promenaden. Sie braucht eine gute Verkehrslenkung. Und gerade mit einem so wertvollen historischen Erbe wie in Trier braucht sie architektonisches Fingerspitzengefühl: Was in den Baulücken entsteht, muss sich harmonisch einfügen, damit die Stadt ihren Charme und ihre Schönheit nicht verliert. k.demos@volksfreund.de