Soldaten am Limit: Die Truppe ist verunsichert

Soldaten am Limit: Die Truppe ist verunsichert

Dieser Rekord ist keiner, auf den die Bundeswehr stolz sein kann: Die Zahl der Eingaben an den Wehrbeauftragten hat letztes Jahr einen historischen Höchststand erreicht. So stieg die Eingabenquote auf rund 28 Beschwerden pro tausend Soldaten.

Berlin. Die Belastung durch Auslandseinsätze, der Personalmangel, die massive Verunsicherung durch die Truppenreform hätten viele der 184 000 Männer und Frauen ans Limit gebracht, meinte gestern der Wehrbeauftragte Hellmut Könighaus (FDP) bei der Vorstellung seines Jahresberichtes. "Besserung zeichnet sich nicht ab", so Königshaus düster.

Wo drückt der Schuh bei den Auslandseinsätzen?

An die 5000 Soldaten sind in mehr als zehn Ländern stationiert. Viele klagen über zu häufige Einsätze und zu kurze Regenerationszeiten dazwischen. Obwohl sie eigentlich nach vier Monaten im Ausland 20 Monate daheim ihren Dienst versehen sollen. Neue Auslandseinsätze seien nur möglich, so der Wehrbeauftragte, wenn die Bundeswehr das nötige Personal auch "durchhaltefähig stellen kann". Das sei vielfach nicht gewährleistet. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) plädiert indes dafür, das militärische Engagement auszuweiten. Zum Beispiel in Afrika.

Wie steht es um die Vereinbarkeit von Familie und Dienst?

Die von Ministerin von der Leyen angestoßene Diskussion ist laut Königshaus bei den Soldaten gut angekommen. Den Bekenntnissen müssten nun aber Taten folgen, auch bei der Finanzierung. Das Familienleben vieler Truppenangehöriger leidet vor allem unter häufigen Umzügen und der Pendelei zwischen Wohn- und Dienstort. So quittierte beispielsweise ein Berufssoldat mit 42 Jahren den Dienst, weil er nach sechs Auslandseinsätzen, monatelanger Trennung von der Familie und mehrfachen Umzügen "psychisch und physisch" nicht mehr konnte.

Wie groß ist das Problem sexueller Übergriffe?

Rund 18 500 Frauen gehören der Truppe an. Eine lange vom Verteidigungsministerium unter Verschluss gehaltene Studie aus dem Jahr 2011 hat jetzt für Aufsehen gesorgt, da daraus hervorging, dass 55 Prozent der Soldatinnen bereits mindestens einmal sexuell belästigt worden sind. Königshaus nannte dies "beunruhigend". Laut Wehrbericht wurden letztes Jahr offiziell 64 "besondere Vorkommnisse" in Bezug auf sexuelle Übergriffe gemeldet. Im Vorjahr waren es 50. Königshaus beklagte, Opfer hätten oft Angst, Übergriffe zu melden.

Was liegt noch im Argen?

Vor allem die medizinische Versorgung bleibt ein Problem. "Wir haben einen großen Ärztemangel", so Königshaus. Das sei auch Folge der Bundeswehrreform, da der Sanitätsdienst deutlich verkleinert worden sei. Allein 400 Dienstposten sind demnach in der einsatzrelevanten Intensiv- und Notfallversorgung nicht besetzt.
Plädiert der Wehrbeauftragte für eine Reform der Reform?

Nein. Seit den 90er Jahren seien die Soldaten mit Reformen "traktiert" worden, "und keine wurde zu Ende geführt", meinte Königshaus. Zwar sei es fraglich, ob die jetzige Neuausrichtung die Bundeswehr wirklich "einsatzfähiger, nachhaltig finanzierbar und attraktiver" mache. Die für dieses Jahr vorgesehene Überprüfung sei aber der richtige Weg, gravierende Probleme zu erkennen und dann zu beheben.Extra

Die FDP ist im Bundestag erstmal Geschichte. Aber ein Liberaler hält die Stellung im Parlament, bis 2015. Bis dahin kann der Wehrbeauftragte des Bundestags, FDP-Mitglied Hellmut Königshaus (63/Foto: dpa), an einem kleinen Pult im Plenum die Debatten verfolgen. Der Jurist ist kein Abgeordneter oder Beamter, sondern Anwalt der Soldaten. Königshaus, Ex-Richter und Oberleutnant der Reserve, war im Mai 2010 für fünf Jahre als Wehrbeauftragter vereidigt worden. Zuvor war er Bundestagsabgeordneter der FDP. dpa

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