Spannung beim Amtsantritt

Berlin. Ein neuer Mann an der Spitze: Horst Köhler wird heute als Bundespräsident vereidigt.

Zwischen Mitternacht und neun Uhr heute früh hat Deutschland zwar einen gewählten, aber keinen vereidigten Präsidenten. Die fünfjährige Amtszeit des achten Staatsoberhaupts Johannes Rau endete am Mittwoch um 24 Uhr, heute Vormittag wird Prof. Dr. Horst Köhler (61) im Berliner Reichstag zum neunten Präsidenten der Bundesrepublik vereidigt. An diesem 1. Juli 2004 beginnt ein Experiment, das zumindest in Deutschland bislang noch nicht gewagt wurde: Mit Köhler kommt erstmals kein Politiker, sondern ein Seiteneinsteiger ins höchste deutsche Staatsamt. Die feierliche Zeremonie ist reine Routine, wird aber von der Verfassung so vorgeschrieben. Es soll halt ein bisschen würdevoll sein, wenn der Erste Bürger und oberste Repräsentant des Staates inthronisiert wird.Beim Eid beruft er sich auf Gott

Deshalb ergreifen auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und Bundesratspräsident Dieter Althaus (CDU) das Wort, und auch der scheidende Bundespräsident Johannes Rau darf noch einmal eine Abschiedsrede halten. Nach der Vereidigungsformel mit dem Original-Grundgesetz von 1949, bei der sich der Christenmensch Köhler auf Gott berufen wird, wird der neue Präsident seine Antrittsrede halten. Zumindest an diesem Tagesordnungspunkt könnte die weihevolle Atmosphäre mit einem Hauch Spannung angereichert werden. Allerdings hat Köhler bereits im Vorfeld seiner Wahl in vielfältiger Form über sein Amtsverständnis doziert und seine (wirtschafts-)politischen Vorstellungen artikuliert. Tenor: Reformen, auch und gerade im Sozialbereich, sind unabdingbar, will das ehemalige Wirtschaftswunderland wieder zu alter Stärke zurück finden. In diesem Sinne will er auch wirken, der neunte Präsident, der wie alle seine Vorgänger (Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Johannes Rau) männlichen Geschlechts ist. Eigentlich war längst eine Frau an der Reihe, zumal die Union noch vor fünf Jahren - als die rot-grüne Mehrheit für Rau fest stand - eine Frau nominiert hatte (Dagmar Schipanski). Davon wollte man diesmal aber nichts wissen: Zum einen war die Strahlkraft der damaligen Überraschungskandidatin Schipanski verblasst, zum zweiten brauchte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel unbedingt einen männlichen Kandidaten, um ihre eigene Chancen auf das Amt der Kanzlerkandidatin der Union nicht unnötig zu schmälern. So kam Merkel, inspiriert durch Saar-Regierungschef Peter Müller, der ihr den international renommierten Uno-Umweltexperten Klaus Töpfer andienen wollte, auf den Namen Horst Köhler - den zuvor ausgerechnet Bundeskanzler Gerhard Schröder auf den Chefposten des Internationalen Währungsfonds in Washington gehievt hatte. Es darf vermutet werden, dass der Volkswirtschaftler Köhler dem Präsidentenamt eine persönliche Note geben wird. Er will sich stärker als seine Vorgänger in die politische Diskussion einmischen, mehr als seine Vorgänger im Fernsehen auftreten, um seine Sicht der Dinge zu erklären. Ob er (wie Rau) eine lange Anlaufzeit braucht, und ob er (wie Rau) den richtigen Ton trifft, ein Ton, der von den Bürgern verstanden und auch angenommen wird, bleibt abzuwarten. Köhlers unkomplizierte Wesensart, die von Freundlichkeit und Kompetenz geprägt ist, kann ihm dabei sicherlich helfen. Ebenso wie Ehefrau Eva, die von den einschlägigen Gazetten schon vor ihrem "Amtsantritt" als hervorragende First Lady gefeiert worden ist. Heute Abend werden die Köhlers wissen, wie anstrengend so ein Präsidenten-Dasein sein kann: Nach der Vereidigung muss der Präsident sogleich erste Staatsaufgaben wahrnehmen. Dem Empfang des Diplomatischen Corps im Reichstag folgt ein großer Empfang im benachbarten Paul-Löbe-Haus, wo die Abgeordneten ihre Büros haben. Horst und Eva Köhler müssen dann unzählige Hände schütteln, immerfort lächeln, stets klug plaudern und sich unentwegt im Griff haben - denn Kameraleute und Fotografen werden ohne Unterlass jede ihrer Bewegungen verfolgen. Am Freitag wird der neue Präsident dann sein Büro einrichten, am Samstag schon folgt der erste öffentliche Auftritt mit Prominenten und verdienten Bürgern an "Tafel der Demokratie" am Brandenburger Tor.