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Spannung vor Zeugnisausgabe für PISA 2015 - Wo steht Deutschland?

Spannung vor Zeugnisausgabe für PISA 2015 - Wo steht Deutschland?

PISA - diese vier Buchstaben stehen für eines der schlimmsten Debakel deutscher Bildungspolitik. Nach den miserablen Vergleichstests vor 15 Jahren stieg die Formkurve unserer Schüler jedoch an. Setzt sich der positive PISA-Trend fort?

Für rund 10 000 Schüler in Deutschland und eine halbe Million weltweit ist der sechste PISA-Test seit Mai vorbei. In der breiten Öffentlichkeit wird der größte internationale Bildungsvergleich erst nächstes Jahr wieder ein Top-Thema. Am 6. Dezember präsentiert die OECD ihre Ergebnisse von PISA 2015 - für Naturwissenschaften (diesmal Schwerpunkt), Mathematik und Lesekompetenz, erstmals auch für das Problemlösen im Team und Wohlbefinden der Schüler. Bis dahin darf spekuliert werden, ob Deutschland am Nikolaustag 2016 die Rute gezeigt bekommt oder mit ordentlichen Noten seinen dezenten Aufwärtstrend fortsetzt.

Der „PISA-Schock“ von 2000/2001 sitzt vielen hierzulande noch in den Knochen, auch wenn er sich letztlich als heilsam erwies. In der ersten Vergleichsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatten deutsche 15-Jährige miserabel abgeschnitten, zudem stand ein beschämend enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen im Zeugnis. Immerhin: Danach ging es in den PISA-Tests 2003, 2006, 2009 und 2012 Schritt für Schritt bergauf - die Reformen nach dem Desaster zeigten Erfolg. Das Thema Bildungsgerechtigkeitslücke blieb dem Land jedoch erhalten.

PISA-Chefkoordinator Andreas Schleicher lobt Deutschland daher - und mahnt zugleich, nicht nachzulassen. Was nach der Pleite bildungsreformerisch geschehen sei, „kann sich sehen lassen, zumindest für die ersten Jahre“, sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Aber: „Jetzt ist die entscheidende Frage: Wie kann man aus einer Phase der Stagnation heraus nochmal einen qualitativen Sprung nach oben schaffen?“

Von 2003 bis 2009 habe sich hierzulande „nicht nur das Leistungsniveau gebessert, sondern auch der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Ergebnissen“. Doch seither ging es nicht mehr so dynamisch voran, in Deutschland sei also „immer noch viel zu tun“, so Schleicher. Wie es aber wirklich mies laufen kann, sei mit dem Abschneiden Frankreichs zu besichtigen. „Oder schauen Sie nach Schweden. Da war zuletzt viel los, weil die Ergebnisse schlechter geworden sind.“ Die OECD beobachte auch Finnland, weil es dort wohl nicht mehr rund laufe. Der PISA-Europameister lag 2012 freilich noch überwiegend klar vor Deutschland.

Die erstmals computerbasierten PISA-Tests aus dem vorigen Frühjahr werden nach Schleichers Worten „jetzt erst einmal aufbereitet, im Februar oder März 2016 kriegen wir einen ersten Datensatz“. Der Vergleich sei „mehrdimensionaler“ und damit aussagekräftiger denn je. „Soziale und emotionale Kompetenzen haben heutzutage enorme Bedeutung. Wir versuchen das immer besser abzubilden im PISA-Bereich - eine Entwicklung, die einer sich rasch verändernden Gesellschaft Rechnung trägt.“ Besonders das gemeinschaftliche Problemlösen, also die Teamfähigkeit, ist für den „PISA-Papst“ aus Paris ein spannendes neues Feld.

Laut OECD nahmen 2012 etwa 510 000 Schüler aus 65 Staaten und Regionen teil. Nun seien es „um die 630 000“ in 75 Ländern gewesen, sagt Schleicher. Für 2018 haben sich schon 85 Länder und Regionen angemeldet. Auch dann dürften nicht Deutschland oder andere Europäer die Favoriten sein, sondern asiatische Bewerber: Shanghai, Singapur, Hongkong, Korea, Japan. Von Shanghai, dem unangefochtenen PISA-Primus 2012 mit 613 Punkten (zum Vergleich Deutschland: Sechzehnter mit 514 Punkten), könnten deutsche Bildungspolitiker einiges lernen, meint Schleicher: „Dort gelingt es, die besten Lehrer für die schwierigsten Klassen zu gewinnen.“

In der aktuellen Debatte über den Andrang von Flüchtlingen ins deutsche Bildungssystem empfiehlt Schleicher, sich von Vorurteilen zu lösen: „Dahinter steckt immer die These: Schüler mit Migrationshintergrund können nichts. Das ist eine fatale Einschätzung.“ Pessimistischer äußert sich im dpa-Gespräch der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger: „Ich bin mir sicher, dies ist der letzte PISA-Test, in dem sich Deutschland nochmal verbessert. Danach wird das dann kein dramatischer Einbruch sein, aber es wird sich abbilden,“

Der Verbandschef hält PISA zugute, dass die internationalen Vergleiche hierzulande viel bewirkt haben. „Früher konnten sich doch alle Bundesländer in die Tasche lügen, was die Qualität von Schule betrifft.“ Aber Meidinger meldet auch Zweifel an: Warum sich Deutschland in den vergangenen 15 Jahren so verbessert hat, „das kann hier niemand wirklich schlüssig begründen. Man weiß es einfach nicht.“