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Spurensuche unterhalb des roten Felsens

Spurensuche unterhalb des roten Felsens

Polizeiarbeit unter erschwerten Bedingungen: Am Tag nach dem Fund der sterblichen Überreste von Tanja Gräff suchten dort gestern die Ermittler weiter nach Spuren. Spuren, die das Rätsel über den Tod der seit 2007 vermissten Studentin womöglich lösen können.

Trier. Sie habe die ganze Nacht nicht schlafen können, sagt die Frau. Sie wohnt in einem Mehrfamilienhaus am Ende des Trie-rer Stadtteils Pallien. Dahinter wurden am Montagmorgen auf einem bis dahin kaum zugänglichen Flecken unterhalb des mächtigen Sandsteinfelsens Knochenteile von Tanja Gräff gefunden. "Unfassbar" sei das, sagt die völlig aufgelöst wirkende Frau. Sie könne nicht glauben, dass die Leiche womöglich jahrelang hinter dem Haus lag. "Schrecklich." Der Frau fehlen die Worte.
Vom dritten Stock des in die Jahre gekommenen Wohnhauses sind es nur ein paar Meter zu der Stelle, an der ein Waldarbeiter kurz vorm Fällen eines der Ahornbäume auf einen Knochen gestoßen ist. Ein menschlicher Schädelknochen, wie nun feststeht.
Ein schmaler mit Waschbetonplatten belegter Steg, auf dem zwei Polizisten stehen, führt vom Hausflur zu einem kleinen Gärtchen unterhalb des roten Felsens, der hier gut 30 Meter nach oben ragt. Das Gärtchen ist mit einem rot-weißen Band abgesperrt. Ein verwitterter Gartenzwerg steht in einer Felseinbuchtung. Daneben eine Solarleuchte. Blumentöpfe stehen auf dem sandigen Boden, in den eine kleine Yucca-palme gepflanzt wurde.Dichtes Gestrüpp


Ein Rhododendronbusch blüht üppig in Blau. Daneben ein grüner, teilweise eingeschnittener Maschendrahtzaun. Von dort geht es auf den kleinen Felsvorsprung.
Unvorstellbar, dass der bis vor kurzem völlig zugewuchert gewesen sein soll. Hohe Ahornbäume hätten hier gestanden, dichtes Gestrüpp aus wilden Brombeeren sei bis zu dem Maschendrahtzaun gewachsen, erzählt ein Bewohner des Hauses. Seit Wochen sei hinter dem Haus gerodet worden, seien Bäume gefällt, Hecken geschnitten worden.
Polizisten in Blaumännern graben auf dem Felsvorsprung den Boden um. Mitarbeiter der Spurensicherung suchen im Sand nach Hinweisen. Ein Mann, auf dessen blauem T-Shirt "Polizei" steht, sägt bereits gefällte Bäume klein, räumt sie zur Seite.
Ein Mitarbeiter der Firma, die seit Wochen hinter dem Haus gerodet habe, sei am Montagmorgen an der Stelle gerade dabei gewesen, einen Baum, der gefällt werden sollte, mit einem Seil zu sichern, als er plötzlich auf dem Boden etwas gefunden habe, sagt ein älterer Bewohner des Hauses. "Was er gefunden hat, habe ich nicht gesehen."
Kurze Zeit später seien dann die ersten Polizeiwagen vorgefahren. Bis zu 20 Polizisten seien dann dort herumgelaufen, erzählt der Mann.
Ihre Tochter habe geweint, als sie die ganzen Leute dort hinter dem Haus gesehen habe, sagt eine Mutter. Später sei dann auch noch ein Hubschrauber übers Haus geflogen. Was die Polizisten dort suchten, habe sie erst am Abend von ihrer älteren Tochter erfahren. "Die hat in Facebook gelesen, dass sie Tanja Gräff hier gefunden haben", sagt die Frau. "Ist sie tatsächlich \'runtergestürzt?" fragt der ältere Bewohner zweifelnd. Er glaubt eher, dass sie "von unten" dort hingelegt worden sei. Mehr will er dazu aber nicht sagen.
Oberhalb des Mehrfamilienhauses machen sich Bergsteiger des Sondereinsatzkommandos der Polizei bereit für eine heikle Mission. Sie sollen sich oben von dem steilen Felsen abseilen und dort nach Spuren suchen. Eine Reporterin des Nachrichtensenders NTV schildert mit dem Rücken zu dem Felsvorsprung und dem Felsen vor der Kamera, wie die Waldarbeiter am Tag zuvor die Knochen gefunden haben. Weitere Mannschaftswagen der Polizei fahren vor. Bereitschaftspolizisten, die das noch immer unwegsame Gelände unterhalb des Felsens absuchen sollen. Ein Kollege weist sie ein, sagt, worauf sie achten sollen. Nach und nach kommen weitere Kamerateams den steilen Weg, der vom Parkplatz des Mehrfamilienhauses zu dem Waldweg unter dem roten Felsen führt, herauf. Sie wollen von hier aus die Fundstelle filmen.Plakat erinnert an Tanja

 Beamte der Spurensicherung bei ihrer Arbeit an der Stelle, wo die Knochen gefunden wurden. TV-Foto: Klaus Kimmling
Beamte der Spurensicherung bei ihrer Arbeit an der Stelle, wo die Knochen gefunden wurden. TV-Foto: Klaus Kimmling Foto: klaus kimmling (g_pol3 )
 Trierer roten Felsen im Einsatz. TV-Foto: Klaus Kimmling
Trierer roten Felsen im Einsatz. TV-Foto: Klaus Kimmling Foto: klaus kimmling (g_pol3 )
 Der Fundort der mutmaßlichen Überreste von Tanja Gräff in der Bonner Straße (im Foto im Bereich rechts oben). Nur einige Meter entfernt verläuft ein Steg, der von einem großen Mehrfamilienhaus zu einem kleinen Garten im Schatten der Felsen führt. TV-Foto: Frank Göbel
Der Fundort der mutmaßlichen Überreste von Tanja Gräff in der Bonner Straße (im Foto im Bereich rechts oben). Nur einige Meter entfernt verläuft ein Steg, der von einem großen Mehrfamilienhaus zu einem kleinen Garten im Schatten der Felsen führt. TV-Foto: Frank Göbel Foto: (g_pol3 )


Oberhalb des Felsens verläuft ein schmaler Pfad. Knapp einen Kilometer ist es von hier bis zur Fachhochschule. Dort wurde Tanja am 7. Juni 2007 bei einem Sommerfest zum letzten Mal gesehen. Keine zehn Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto vom Ende des Stadtteils Trier-Pallien bis zu der Fachhochschule. An der Fußgängerbrücke, die Parkplatz und Hochschule verbindet, hängt auch an diesem Vormittag noch das Plakat, mit dem Freunde von Tanja seit Jahren nach der Studentin gesucht haben. "Wo ist Tanja?" steht darauf, daneben ein Bild der damals 21-Jährigen. An der schmalen Straße, die an der Hochschule vorbei Richtung Naherholungsgebiet Weisshauswald führt, erinnert seit geraumer Zeit ein kleiner Schrein am Waldrand an das bislang ungeklärte Verschwinden von Tanja Gräff. Fotos, Vermisstenanzeigen mit Telefonnummern und eine Liste mit Gegenständen, die die 21-Jährige damals bei sich hatte, wie etwa Schmuckstücke, kleben auf der kleinen Holztafel. Irgendjemand hat einen frischen Strauß mit rosa Blumen davor gestellt.