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Staatsanwalt darf nicht, Jugendamt soll nicht strafen

Staatsanwalt darf nicht, Jugendamt soll nicht strafen

Überfall im Stadtteil Trier-West: Das Opfer, ein 54-jähriger Obdachloser, erleidet lebensgefährliche innere Verletzungen, der Angreifer ist erst 13. Die Staatsanwaltschaft darf nicht ermitteln, das Jugendamt soll nicht strafen. Der Täter ist wieder auf freiem Fuß.

Trier. Die Hohensteinstraße liegt im Stadtteil Trier-West, dessen mittlerweile in die Jahre gekommener, aber sehr hartnäckiger Ruf als sozialer Brennpunkt durch diesen Fall neu angeheizt werden wird. Um die Ecke liegt die Kurfürst-Balduin-Hauptschule. Auf einer kleinen Grünfläche stehen einige Parkbänke, eine davon hat sich ein 54-Jähriger, der ohne festen Wohnsitz in und um Trier lebt, als Ruheplatz ausgesucht.

Ein Fußgänger ist in der Mittagszeit in dieser Ecke unterwegs. Ihm bietet sich ein furchtbares Bild. Ein Junge tritt den auf der Bank liegenden Obdachlosen. "Mit festem Schuhwerk immer wieder in den Leib", so beschreibt die Polizei den Angriff. Dann nimmt der Halbwüchsige einen neben der Parkband stehenden Müllkorb aus Metall und wirft ihn auf den Mann, der sich nicht wehrt und auf seiner Bank liegen bleibt.

Der Passant greift ein. Er geht auf den Jungen zu, spricht mit ihm. "Was machst du denn? Hör sofort auf damit." Der Mann - er wird später darum bitten, in den Medien weder mit Namen genannt noch zitiert zu werden - tritt dabei derart entschieden auf, dass der Angreifer von seinem Opfer ablässt und flüchtet.

Der Augenzeuge verständigt die Polizei und schildert die Situation. Ein Notarzt wird informiert. Der Obdachlose ist nicht ansprechbar, es ist kein Blut zu sehen. In einem Trierer Krankenhaus werden schwere innere Verletzungen festgestellt, das Opfer schwebt in Lebensgefahr.

Der Zeuge beschreibt den Angreifer präzise, eine Polizeistreife findet ihn kurze Zeit später in der Nähe. Er ist 13 Jahre alt. Die Strafmündigkeit beginnt erst mit 14. Wer dieses Alter noch nicht erreicht hat, ist im Sinne des Gesetzes ein Kind und kann nicht bestraft werden. Deshalb landet der Angreifer nicht auf der Polizeiwache oder gar in einer Zelle, sondern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Dort bleibt er über Nacht. Laut Polizei ist er "mehrfach unter anderem wegen Körperverletzungsdelikten aufgefallen". Die Nutzung der Worte "mehrfach" und "unter anderem" deutet darauf hin, dass der 13-Jährige schon in früheren Fällen zugeschlagen hat und auch auf andere Weise mit dem Gesetz, das ihn noch nicht berühren darf, in Konflikt kam.

Dennoch: Nach einer Nacht in der Psychiatrie folgt die Diagnose "Fremd- und Eigengefährdung ausgeschlossen". Der Junge darf zurück zu seiner alleinerziehenden Mutter und seinen vier Geschwistern. Die Polizei meldet, das Opfer sei stabil und nicht mehr in Lebensgefahr. Extra

Was kann ein Augenzeuge tun?

Das Polizeipräsidium Trier lobt den Zeugen aus der Hohensteinstraße für sein mutiges und effektives Verhalten. Generell hat die Polizei Richtlinien für das Verhalten in Notsituationen erstellt. Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Es ist nicht nötig und auch nicht immer möglich, einen Täter direkt anzugreifen - womit der Helfer möglicherweise selbst in die Schusslinie gerät. Dennoch hat jeder die Chance, in einer Notlage zu helfen. Andere direkt zur Mithilfe auffordern. Nicht einfach mit "jemand muss doch was tun" oder ähnlichen Worten an die Allgemeinheit appellieren, sondern andere Zeugen gezielt ansprechen. "Holen Sie Hilfe!" Den Täter genau beobachten und einprägen. Wichtig sind die Kleidung, das Aussehen und die Fluchtrichtung eines Täters. Möglicherweise kann ein Zeuge dem Täter in sicherem Abstand folgen. Hilfe organisieren und 110 wählen. Wer den Notruf anwählt, muss klar sagen, was wann wo geschehen ist. Nicht sofort auflegen, es könnten Nachfragen nötig sein. Sich um das Opfer kümmern. Neben der Ersten Hilfe ist auch der seelische Beistand nach einem Überfall wichtig. Der Zeuge sollte mit dem Opfer sprechen, es beruhigen und fragen, was er tun kann. Bei der Polizei als Zeuge aussagen. Jede Aussage ist wichtig, um die Tat zu rekonstruieren und den Täter zu fassen.