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Umwelt
Stichwort AKW Fessenheim: Die französische Energiewende existiert nur auf dem Papier

Das französische Atomkraftwerk Fessenheim.
Das französische Atomkraftwerk Fessenheim. FOTO: Patrick Seeger / dpa
Paris. Die Abschaltung des altersschwachen Atomkraftwerkes Fessenheim zögert sich immer weiter hinaus. Kann auch Präsident Macron sein im Wahlkampf gegebenes Versprechen nicht halten? Auf deutscher Seite lässt Baden-Württemberg nicht locker: Regierungschef Kretschmann verfolgt bilaterale Pläne. Von Christine Longin

Sébastien Lecornu ist in Frankreich kaum bekannt. Doch im Elsass kennt den bärtigen Umweltstaatssekretär aus der Normandie fast jeder. Denn das mit 31 Jahren jüngste Mitglied des Kabinetts muss die Schließung des Atomkraftwerkes Fessenheim am Oberrhein umsetzen. Als „Monsieur Fessenheim“ besucht Lecornu alle paar Monate die Region und setzt sich mit Gewerkschaftern und besorgten Regionalpolitikern an einen Tisch. Bei den Sitzungen geht es um die Zukunft nach der Abschaltung des ältesten französischen Meilers, der nur rund 20 Kilometer von Freiburg entfernt liegt. Wann diese Zukunft beginnt, will aber auch Lecornu nicht sagen. Er gibt den schwarzen Peter lieber an die Atomaufsicht ASN weiter, die sich im Mai äußern soll. Allerdings nicht zu Fessenheim, sondern zum neuen Druckwasserreaktor in Flamanville am Ärmelkanal.

Flamanville ist so etwas wie der atomare Zwillingsbruder von Fessenheim. Die Anlage im Elsass soll nur vom Netz, wenn der moderne EPR 800 Kilometer weiter westlich an seiner Stelle Strom produziert. Eine Verbindung, die vor allem die Grünen in Deutschland kritisieren. „Das ist aus sicherheitstechnischer Sicht völlig inakzeptabel. Fessenheim ist so schlecht, dass es in Deutschland sofort abgeschaltet würde“, kritisiert die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Sylvia Kotting-Uhl. 22 kleinere Störfälle zählte Greenpeace im vergangenen Jahr in Fessenheim.

„Wenn etwas passiert, sind keine ausreichenden Notsysteme vorhanden“, warnt auch Susanne Neubronner, die Atomenergieexpertin von Greenpeace Deutschland. Nachrüstungen hätten wegen des Alters der Anlage kaum noch Erfolg. „Das ist wie bei einem alten Auto: man kriegt es zum Fahren, aber man macht keinen Porsche des Baujahrs 2017 mehr daraus.“

Dabei wird Fessenheim vermutlich über das Jahr 2019 hinaus weiter betrieben. „Ich glaube nicht an eine Abschaltung im nächsten Jahr“, sagt Neubronner. Der Grund: Flamanville ist pannenanfällig. Die schon für 2012 angekündigte Fertigstellung verzögert sich seit Jahren und die Kosten explodieren. Erst vergangene Woche gab der Betreiber EDF bekannt, dass Löcher an 150 Schweißnähten entdeckt worden seien, die nun kontrolliert werden müssten. Dazu kommt fehlerhafter Stahl, der im Deckel eingebaut wurde. Die ASN gab trotzdem grünes Licht für den Reaktor, von dem Frankreich auch mehrere Modelle ins Ausland verkauft hat. Die Behörde will aber, dass der Deckel 2024 ausgetauscht wird, also schon kurz nach dem Start.

„Dass so ein AKW überhaupt erst ans Netz gehen soll, ist skandalös“, empört sich Kotting-Uhl. Die Karlsruher Grünen-Abgeordnete fordert, das Aus von Fessenheim von Flamanville zu entkoppeln.

Dass die beiden Atomkraftwerke stets in einem Atemzug genannt werden, hängt mit dem 2015 verabschiedeten Energiewendegesetz zusammen. Darin ist eine Deckelung der Atomkraft auf 63 Gigawatt vorgesehen. Die frühere Umweltministerin Ségolène Royal interpretierte die Zahl als feste Zielmarke, die die Abschaltung eines Atomkraftwerkes nur erlaubt, wenn ein anderes anläuft. Es war ihre Art, das gebrochene Wahlversprechen von François Hollande mit einem Mäntelchen der Glaubwürdigkeit zu umhüllen. Denn Hollande hatte die Abschaltung von Fessenheim bis spätestens 2017 in Aussicht gestellt. Auch sein Nachfolger Emmanuel Macron versprach im Wahlkampf die Stilllegung der Anlage und die Umsetzung des Energiewendegesetzes, das den Anteil der Atomkraft bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zurückfahren will.

Die Ernennung von Nicolas Hulot, einem Öko-Aktivisten, zum Umweltminister nährte Hoffnungen, dass Frankreich als größter Atomstromproduzent Europas tatsächlich umzudenken beginnt. Doch der beliebte frühere Fernsehmoderator gibt inzwischen zu, dass die französische Energiewende nur auf dem Papier existiert. 17 Reaktoren müssten dafür in den nächsten sieben Jahren stillgelegt werden, rechnete der Minister im vergangenen Jahr vor. Das sei nicht machbar. Von Macrons energiepolitischen Wahlkampfversprechen bleibt also nach einem Jahr im Amt allein die Schließung von Fessenheim übrig.

Baden-Württemberg fordert schon seit Jahren, den maroden Meiler vom Netz zu nehmen. Vergangene Woche bekräftigte Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Besuch in Straßburg noch einmal sein Anliegen. Er will in einen deutsch-französischen Industriepark investieren, der sich anstelle des Atomkraftwerkes in der Region ansiedeln könnte.

„Die Zeit nach Fessenheim wird notwendigerweise deutsch-französisch sein“, kommentiert Lecornu die Pläne. Für die Region will die Regierung noch in diesem Jahr eine Ausschreibung für eine Solaranlage starten. „Fessenheim zu schließen, ohne daraus ein Beispiel für die Energiewende zu machen, hätte keinen Sinn“, sagt Lecornu. Bis es so weit ist, muss der Staatssekretär aber noch oft ins Elsass fahren.