Stoiber wieder daheim und Platzeck in der Fremde

Stoiber wieder daheim und Platzeck in der Fremde

PASSAU/VILSHOFEN. Nach einer Stunde und 54 Minuten hat Edmund Stoiber es geschafft. Die CSU jubelt ihrem Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten wieder zu, jedenfalls an diesem Tag und an diesem Ort, der Dreiländerhalle in Passau. Unterdessen hält in Vilshofen SPD-Chef Matthias Platzeck – so gut es in der Fremde geht – "deftig bayerisch" dagegen.

Rund 4000 Zuhörer klatschen, rufen "Edmund, Edmund" und machen sogar eine La-Ola-Welle. Auf einem Plakat steht: "CSU und Stoiber. Noch einmal 2008." Mit keinem Wort geht Stoiber in seiner Rede auf den Tumult ein, den es in seiner Partei gegeben hatte, als er erst ins Berliner Kabinett wollte und dann doch nicht. Aber das ist bei der CSU in Passau das heimliche Hauptthema, und auch Guido Westerwelle (FDP), Renate Künast (Grüne) und Matthias Platzeck (SPD) sprechen es bei den parallel stattfindenden Kundgebungen ihrer Parteien an. Der politische Aschermittwoch, einst die bundespolitische Box-Arena der CSU, schlägt auf seine Erfinderin zurückt. Stoiber lässt in Passau die Rolle des Weltpolitikers und Ersatzkanzlers sein. Es geht um nichts weniger als seine erneute Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl im Jahr 2008. Nur zehn Minuten von den knapp zwei Stunden seiner Rede widmet er sich der neuen Bundesregierung, für die er nur Lob übrig hat. Besonders natürlich für Angela Merkel. Stoiber tut alles, um sich als reuig heimgekehrter Sohn des Landes zu präsentieren. Der Ministerpräsident erinnert daran, wie eng er mit dem CSU-Idol Franz Josef Strauß zusammengearbeitet hat. Er lobt die Helfer bei der Schneekatastrophe und nennt viele namentlich. Er schildert ausführlich die Anstrengungen seines Kabinetts für den ländlichen Raum und beschwört das Wir-Gefühl des Erfolgslandes Bayern. Im Saal wird gemurmelt und an der Maß genippt

Doch all das zündet nicht so recht, im Saal wird gemurmelt und an der Maß genippt. Aber dann findet der CSU-Chef sein Thema, mit dem er die Anhänger wieder begeistert: die innere Sicherheit und die Ausländer. Stoiber gibt den Beckstein. Freilich ohne den Namen seines Innenministers und Beinahe-Nachfolgers zu erwähnen. Fast die komplette zweite Hälfte seiner Rede widmet Stoiber nun Fragen, bei denen sich auch hier Emotionen schüren lassen. Sexualstrafrecht: Eine Meldepflicht für entlassene Straftäter müsse her. Einbürgerung: "Hier bei uns in Deutschland gilt das deutsche Grundgesetz und nicht die Scharia." Schule: "Wer randaliert in unseren Schulen, fliegt raus, und wer kein Deutsch kann, kommt nicht rein." Auch das Nein zum EU-Beitritt der Türkei fehlt nicht. Nach jedem dieser starken Sätze fangen die Besucher, viele Gäste aus dem Norden darunter, nun an zu jubeln und weiß-blaue Fahnen zu schwenken. Stoiber endet mit einer Liebeserklärung an Bayern: "Wenn man beim Landeanflug die Berge sieht, dann ist man daheim. Das ist unsere Heimat." Da ist das Eis gebrochen. Matthias Platzeck hat es ebenfalls schwer, seinen Aschermittwochs-Saal warm zu reden. Die Veranstaltung im Wolferstetter Keller in Vilshofen ist mit 700 Menschen deutlich kleiner und die bayerische SPD mit zuletzt 19,6 Prozent Marktanteil auch deutlich weniger selbstbewusst. Außerdem ist der neue SPD-Chef ein, wie er einräumt, "waschechter Preuße und bekennender Ostdeutscher", also fremd mit den Gebräuchen. Es ist seine erste Aschermittwochsrede. Der brandenburgische Ministerpräsident hebt die Leistungen der SPD-Minister in der Berliner Regierung hervor. Seine Partei habe die schwierigsten Ressorts übernommen und sei Motor der großen Koalition. "Wir lassen uns nicht unterkriegen, schon gar nicht durch Umfragen", sagt er. Fast scheint es, als habe er Stoibers Mahnung drüben aus Passau gehört, die SPD solle "jetzt bitte nicht Unruhe in die Arbeit der Bundesregierung hineintragen". Aber Platzeck muss an diesem Tag trotz großer Koalition auch etwas Stimmung machen. Das verlangen der Anlass und das angeschlagene sozialdemokratische Selbstbewusstsein. Er rettet sich aus der Kalamität, indem er nicht die CDU oder Merkel angreift, sondern die CSU. Er wirft ihr das Schlimmste vor, was aus Münchener Sicht denkbar ist: bundespolitische Bedeutungslosigkeit. Die Christsozialen seien aus der Berliner Wahrnehmung "komplett verschwunden", sagt Platzeck. Die auffälligste Tat von Wirtschaftsminister Michael Glos sei "der Handkuss bei der Kanzlerin" gewesen, und Horst Seehofer habe sich bei der Rente mit 67 "vom Acker gemacht". Das ist doch schon fast bayerisch deftig.

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