Strauss-Kahn wieder auf der Anklagebank

Lille · Im nordfranzösischen Lille hat am Montag der Prozess gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wegen Zuhälterei begonnen. Der einstige Spitzenpolitiker sitzt zusammen mit 13 weiteren Angeklagten im Gerichtssaal.

Der große Auftritt vor den Kameras blieb erst einmal aus: Dominique Strauss-Kahn kam am Montag durch die Tiefgarage in den Justizpalast von Lille, wo ein dreiwöchiger Prozess wegen Zuhälterei begann. Im schwarzen Anzug und mit schwarz-weiß gestreifter Krawatte saß der einstige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zusammen mit bekannten Persönlichkeiten aus Lille, einem belgischen Bordellbesitzer sowie drei Managern des Luxushotels Carlton auf der Anklagebank. Wie üblich begann das Verfahren mit der Verlesung der Namen der 14 Angeklagten, denen schwere gemeinschaftliche Zuhälterei vorgeworfen wird.

DSK, wie der weißhaarige Mann mit den dunklen Augenbrauen in Frankreich genannt wird, hatte sich als IWF-Chef jahrelang mit Prostituierten und Honoratioren aus Lille zu Swinger-Partys getroffen - in Lille, aber auch in Paris und Washington. Der als "Party-König" bekannte einst mächtigste Mann der internationalen Finanzwelt könnte sogar der Auftraggeber der Soirées gewesen sein. Doch der heute 65-Jährige will nicht gewusst haben, dass die Frauen für ihre Dienste bezahlt wurden. Der prominente Angeklagte, der in Lille von rund 200 Journalisten beobachtet wird, soll Mitte nächster Woche aussagen.

Die Staatsanwaltschaft hatte bereits die Einstellung der Ermittlungen beantragt, doch die Ermittlungsrichter setzten sich darüber hinweg. Es sei nicht möglich, dass der frühere IWF-Chef das Gewerbe der Frauen nicht gekannt habe, argumentierten sie. Immerhin traf sich der frühere französische Finanzminister 17 Mal zwischen März 2008 und Oktober 2011 mit anderen zu solchen Sex-Orgien. Dreimal sollen die Partys auch in Washington stattgefunden haben, wo DSK damals noch den IWF leitete.

In den Ermittlungsunterlagen ist von "bestialischen" Nächten und "Gewaltszenen" die Rede. "Die Richter wollen zeigen, dass DSK wusste, dass er es mit Prostituierten zu tun hatte und dass einige der Praktiken nur mit solchen Partnerinnen möglich waren", sagte der Jurist und Vizevorsitzende einer Vereinigung gegen Zuhälterei, Yves Charpenet, der Sonntagszeitung "Journal du Dimanche". Außerdem habe Strauss-Kahn von der Prostitution profitiert und sich damit strafbar gemacht. "Sein Profit war, dass er nie selbst bezahlte", bemerkte Charpenet. 100.000 Euro sollen die Soirées die Unternehmer gekostet haben, die DSK dazu einluden.

Die Richter werfen dem einstigen sozialistischen Spitzenpolitiker vor, auch mehrmals eine Wohnung für die freizügigen Soirées zur Verfügung gestellt zu haben. "Zuhälterei ist die Tatsache, bei der Prostitution zu helfen, an ihr teilzuhaben oder sie zu schützen", steht im französischen Strafgesetzbuch. Auf schwere gemeinschaftliche Zuhälterei, wie sie den Angeklagten in Lille vorgeworfen wird, stehen zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe von 1,5 Millionen Euro. Sieben Jahre sind es für die Tat eines einzelnen. In Deutschland wird mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren bestraft, wer jemanden "ausbeutet", der der Prostitution nachgeht.

Zu den Zivilklägern gehören zwei ehemalige Prostituierte, die gegen DSK aussagen wollen. Eine von ihnen, die sich "Jade" nennt, äußerte sich während der Ermittlungen klar gegen DSK: "Wenn dieser Herr denkt, dass er die Sorte Mädchen nicht kannte, dann will er uns wirklich glauben machen, dass er naiv ist." Offiziell wurden die Frauen von den Komplizen des IWF-Chefs angewiesen, ihren wahren Beruf nicht zu nennen. "Wir sollten sagen, dass wir Freundinnen von Fabrice sind", erinnerte sich "Estelle." Der Bauunternehmer Fabrice Paszkowski soll die Treffen mitfinanziert haben. Doch eines Abends soll der prominente Party-Gast "Estelle" direkt gefragt haben, wie viel sie bekomme: "Er wollte mich selbst buchen."

Die Affäre um den Callgirl-Ring von Lille war wenige Monate nach der Festnahme des IWF-Chefs im Mai 2011 in New York bekanntgeworden. Ein Zimmermädchen des Luxushotels Sofitel hatte dem Finanzexperten versuchte Vergewaltigung vorgeworfen. DSK wurde daraufhin in Handschellen abgeführt und saß im berüchtigten Gefängnis in Rikers Island ein. Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt, da Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hotelangestellten Nafissatou Diallo aufkamen. Ein Zivilverfahren endete mit einer millionenschweren Entschädigung für Diallo.

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