Tabu-Bruch als Prinzip

TRIER. Die RTL-Show „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus", sorgt für Gesprächsstoff. Über das neue Phänomen Ekel-Fernsehen sprachen wir mit dem Trierer Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Bucher. Warum spricht ganz Deutschland über die neue RTL-Show?

Warum spricht ganz Deutschland über die neue RTL-Show?

Bucher: Weil in allen Medien darüber berichtet wird. Selbst die Tagesthemen brachten einen Beitrag. Aber auch die Sendung an sich reizt natürlich, darüber zu reden.

Was macht den Erfolg aus?

Bucher: Schadenfreude an Prominenten aus der dritten Reihe und ein gehöriges Maß an Voyeurismus bringt die Leute dazu, sich die Show anzuschauen. Dadurch entsteht so etwas wie ein Schneeball-Effekt: Alle reden drüber, und wer die Sendung noch nicht kennt, fühlt sich gezwungen, sie anzuschauen, um mitreden zu können. Außerdem werden bekannte Elemente aus anderen Sendungen kombiniert. Da sind Anleihen bei „Big Brother", gleichzeitig ist es auch eine Promi- und Spielshow im Sinne von Wetten dass ?! Und es ist derzeit „in", auf Promis einzudreschen. So wie Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar" die Sängerinnnen und Sänger in die Pfanne haut, wollen die Zuschauer auch mal die Promis leiden sehen.

Werden die Medien nicht ein Stück weit benutzt, um den Erfolg der Show anzukurbeln?

Bucher: In einer Mediengesellschaft sind eben auch die Medien selbst ein bedeutendes Thema. Egal ob 11. September, Irak-Krieg oder jetzt eben „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus", das jeweilige Ereignis findet in den Medien statt und wird dadurch zum Gesprächsstoff.

Aber über die Irak-Kriegsberichterstattung ist ja wenigstens noch kritisch diskutiert worden. Bei der RTL-Show hat man in einigen Zeitungen den Eindruck, dass sich künstlich aufgeregt wird.

Bucher: Es wird auch versucht, durch eine ethisch-moralische Diskussion ernsthaft über die Show zu berichten. Allerdings wirkt das eher unbeholfen. Denn diese Verstöße gegen ethisch-moralische Prinzipien gehören zum Privatfernsehen dazu, wie man jetzt schön in den Rückblicken anlässlich von 20 Jahren Privatfernsehen sehen kann. Der Verstoß gegen Erwartungen, gegen Normen und Prinzipien hat immer wieder zum Durchbruch von Formaten geführt, sei es „Tutti Frutti", „der Heiße Stuhl", „Big Brother" oder die täglichen Talk-Shows. Dass gegen Tabus verstoßen wird, gehört bei den Privaten zum Prinzip.

Also ist die geforderte Absetzung der Sendung Blödsinn?

Bucher: Keine Landesmedienanstalt wird Recht bekommen, wenn es um die Einhaltung von Menschenwürde oder Tierschutzbestimmungen geht.

Aber warum tun sich selbst ernannte Sittenwächter immer so schwer mit solchen Sendungen? Warum können sie so etwas nicht einfach als Unterhaltung betrachten?

Bucher: Man muss immer wieder auf moralische Prinzipien hinweisen, um zu signalisieren, dass es sie noch gibt. Nur wird mit einer solchen aufgesetzten Aufgeregtheit nicht das erreicht, was erreicht werden soll, nämlich die Absetzung der Sendung oder gar ein Verhindern solcher Formate für die Zukunft. In den 70er-Jahren gab es ja das Fernsehspiel „Das Millionenspiel" von Wolfgang Menge. Dort wurde eigentlich schon der Endpunkt einer solchenEntwicklung aufgezeigt, dass nämlich jemand sein Leben aufs Spiel setzt, um eine Million zu gewinnen. Das war sehr weitsichtig hinsichtlich der Kommerzialisierung des Fernsehens. Irgendwann werden bestimmte Grenzen überschritten, ohne dass wir das noch merken.

Aber wie weit wird das Fernsehen noch gehen? Nach jedem Format wird gesagt, noch tiefer kann man nicht sinken.

Bucher: Das werden die Zuschauer bestimmen und im Falle von „Girlscamp" und „Big Brother" haben sie das bereits getan. Es ist ja ganz spannend, wie sich die beiden großen Privatsender RTL und Sat 1 derzeit verhalten. Auf der einen Seite dieses Trash-Fernsehen (Trash = Müll, die Redaktion) und auf der anderen Seite erkennbare Versuche, qualitativ guten Informationsjournalismus zu machen und immer häufiger auch aufwendigere, anspruchsvollere Fernsehfilme wie etwa „Das Wunder von Lengede" zu bringen. Es wird anscheinend ausgetestet, wie weit der Spagat zwischen Qualität und Trash sein kann.

Glauben Sie dass die Promis im Dschungel tatsächlich von Medienwächtern geschützt werden müssen? Warum geben die sich für so was her?

Bucher: Es ist die Droge Aufmerksamkeit, die sie dazu bewegt hat, sich um jeden Preis zu präsentieren. Es ist auf jeden Fall keine gute PR-Strategie zur Selbstvermarktung. Wer soll schon gut aus diesem Format rauskommen, außer den beiden Moderatoren. Die Promis, die hier mitmachen, haben nichts mehr zu verlieren und versuchen mit allen Mitteln, auf sich aufmerksam zu machen.

Werden sich die Öffentlich-Rechtlichen wie bei den Casting- oder Quizshows auch irgendwann dem Quotendruck beugen und Ekel-Fernsehen anbieten?

Bucher: Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn sie sich auf diese Stufe begeben würde, hätten die öffentlich-rechtlichen Sender ein echtes Identitätsproblem, zumal sie ja in den vergangenen Wochen bereits die Gelbe Karte gezeigt bekommen haben, als es um die Gebührenerhöhung ging. Die haben Information, Bildung und Unterhaltung auf einem Niveau zu bieten, das über die Fernsehgebühren gerechtfertigt werden kann. Allerdings ist auch in den öffentlich-rechtlichen Programmen eine Tendenz zum Quotenfetischismus zu erkennen.

Das Gespräch führte unser Redakteur Bernd Wientjes.

Zur Person: Hans-Jürgen Bucher

ist seit 1997 Professor für Medienwissenschaft an der Uni Trier. Davor war er unter anderem Zeitungs- und Hörfunkredakteur. (wie)