Täglich neue Fragen

Immer noch gibt es neue Fragen bei der Kreditaffäre um Bundespräsident Christian Wulff. Darüber kann auch der Empfang der Sternsinger in Berlin nicht hinwegtäuschen.

Berlin. In normalen Zeiten ist der Empfang der Sternsinger beim Bundespräsidenten ein Termin, zu dem die Nachrichtenagenturen ihre Volontäre hinschicken.
Aber die Zeiten sind nicht normal. Christian Wulff, der amtierende Hausherr im Schloss Bellevue, steckt bekanntlich tief im Affären-Sumpf. So belagerten gestern gut 150 Hauptstadtjournalisten den Schlosseingang, um jede Gefühlsregung bei seinem ersten offiziellen Auftritt im neuen Jahr zu erhaschen. Dabei wollte Wulff demonstrativ zur Tagesordnung übergehen. Doch als er mit seiner Ehefrau Bettina vor die Tür trat, wirkte er angespannt. Das Paar schaute gebannt auf die Mädchen und Jungen in ihren farbenfrohen Gewändern, als wäre die Medienmeute gar nicht da.
Wenigstens der junge Besuch hatte keine lästigen Fragen im Gepäck. Dafür aber jede Menge gute Wünsche. "Wir bringen Ihnen den Segen für das neue Jahr", rief die elfjährige Anna Schulte dem Staatsoberhaupt zu. Den kann Wulff wahrlich gebrauchen. Nach seinem Fernseh-Interview am Mittwochabend reißt die Kette der Widersprüche nicht ab.
Gestern meldete sich die BW-Bank zu Wort, mit der Wulff ein Anschlussdarlehen zur Finanzierung seines Einfamilienhauses ausgehandelt hatte. Nach Wulffs fernsehöffentlicher Darstellung war der Kreditvertrag schon am 25. November quasi per Handschlag "geschlossen" worden. Dem widersprach das Kreditinstitut nun mit dem Hinweis, dass Verträge dieser Art immer einer Unterschrift bedürfen. Und die wurde erst am 21. Dezember durch Wulff geleistet. Zu diesem Zeitpunkt war der erste Bild-Bericht über Wulffs zwielichtige Hausfinanzierung schon gut eine Woche alt. Formal betrachtet hat der Präsident damit nur die rechtliche Situation falsch dargestellt. Das kann passieren. Aber unter dem Strich verfestigt sich der Eindruck, dass Wulff nach wie vor ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit pflegt. Auch die Sache mit seiner Nachricht auf dem Anrufbeantworter von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ist deshalb nicht ausgestanden. Immer noch steht der Bild-Vorwurf im Raum, Wulff habe mit dem Anruf eine Berichterstattung über den Privatkredit nicht etwa nur kurzzeitig verschieben wollen, wie von ihm behauptet. Eine Veröffentlichung des Wortlauts lehnt er aber nach wie vor ab. Die Bild-Zeitung ließ dem Staatsoberhaupt gestern eine Abschrift zukommen, damit sich Wulff "bei Aussagen darüber nicht nur auf seine Erinnerung stützen muss". Dem Vernehmen nach soll Wulff in dem Anruf tatsächlich von einer Verschiebung gesprochen haben. Aber auch die Drohung mit juristischen Konsequenzen im Falle einer Veröffentlichung soll auf der Mailbox sein. Das hatte Wulff kategorisch verneint. Den Sternsingern sagte Wulff, dass die letzten Tage nicht so waren, "dass man sich das nochmal zumuten muss". Nun wolle er sich "wieder seinen eigentlichen Aufgaben zuwenden". Ob sein Wunsch in Erfüllung geht, steht freilich in den Sternen. vet
Extra

Mitten in der Kreditaffäre sind gegen Bundespräsident Christian Wulff nun auch Vorwürfe wegen seiner früheren Tätigkeit als VW-Aufsichtsrat laut geworden. VW-Investoren halten Wulff nach einem Bericht der Wirtschaftswoche vor, während der Übernahmeschlacht von Porsche und Volkswagen Pflichten verletzt zu haben. Die Investoren fordern knapp 1,8 Milliarden Euro Schadenersatz. dpa