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Tausende Risse in belgischen Atomkraftwerken nahe der deutschen Grenze

Das Kernkraftwerk Doel im belgischen Flandern. In einem Reaktorblock sind wie auch in dem Atomkraftwerk Tihange (140 Kilometer von Prüm) Tausende von Rissen entdeckt worden. Foto: dpa
Das Kernkraftwerk Doel im belgischen Flandern. In einem Reaktorblock sind wie auch in dem Atomkraftwerk Tihange (140 Kilometer von Prüm) Tausende von Rissen entdeckt worden. Foto: dpa
Tihange. 140 Kilometer von Prüm lauert möglicherweise eine große atomare Gefahr. Die Risse im grenznahen belgischen Atomkraftwerk Tihange sind größer als bisher vermutet. Und es sind viel mehr, als bisher bekannt war. Bernd Wientjes

Tihange. Seit Sommer 2012 ist Block zwei des Atomkraftwerks Tihange im belgischen Wallonien vom Netz. Tausende von Rissen wurden in Druckbehältern der 140 Kilometer von Prüm entfernten Anlage entdeckt. Auch im Block drei des Atomkraftwerks im nordbelgischen Doel in Flandern (70 Kilometer von Aachen) wurden Risse in Reaktorbehältern entdeckt. Erst wenn nachgewiesen ist, dass die Reaktorbehälter sicher seien, sollen die betroffenen Einheiten der beiden Kernkraftwerke Belgiens wieder Strom produzieren, teilte das belgische Innenministerium im Juni vergangenen Jahres mit.
Doch derzeit sieht es nicht so aus, als würde das in absehbarer Zukunft so sein. Offenbar sind die Schäden an den Reaktorblöcken größer als bisher angenommen.

Nach einem Bericht der belgischen Atomaufsicht und des Betreibers, des belgischen Energiekonzerns Electrabel, sind die Risse in Tihange statt wie bisher angenommen sechs Zentimeter bis zu 15,5 Zentimeter lang. In Doel sollen sie dem Bericht zufolge sogar bis zu 18 Zentimeter lang sein. Bei ersten Messungen 2012 ging man dort von Risslängen von maximal neun Zentimeter aus.
Allerdings, so die belgische Atomaufsicht, seien die Risse in der Zwischenzeit nicht gewachsen, sie seien eben nur größer als zunächst angenommen. Festgestellt worden ist das durch eine präzisere Untersuchung. Es sind aber mehr geworden. In Tihange wurden zunächst 2000 gezählt, mittlerweile seien es 3150. In Doel wuchs die Zahl der Risse laut dem Bericht von 8000 auf über 13 000. Es besteht die Gefahr, dass bei einem Reaktorunfall die Ummantelung bricht und radioaktiv verseuchtes Wasser nach außen dringt. Vermutlich sind die Risse bereits beim Bau der Reaktoren entstanden.
Die beiden Anlagen sind seit 1975 am Netz. "Es ist völlig klar, dass beide Atomkraftwerke nie wieder angeschaltet und dauerhaft stillgelegt werden müssen", sagt die Saarburger Grünen-Landtagsabgeordnete Stephanie Nabinger. Ihre Partei setze sich für eine endgültige Stilllegung der grenznahen Anlagen ein.