Teil 14: Erster Blick in den Spiegel der Kunst

Teil 14: Erster Blick in den Spiegel der Kunst

In der antiken Kunst entwickelte der Mensch ein Bild von sich selbst. Er sucht das Ideal und findet das Individuum: Griechische Künstler waren es, die ihren Statuen erstmals individuelle Züge einhauchten.

Seit Jahrtausenden schaffen Menschen überall auf der Welt Kunst: Höhlenmalereien sind darunter und Steinfiguren wie die Venus von Willendorf aus der Altsteinzeit. Ihre erste Blüte aber erlebt die Kunst vor rund 5000 Jahren. In der Kultur der Ägypter entstehen Werke, die Europas Kulturgeschichte bis heute prägen und die so einmalig sind, dass selbst Laien sie sofort als typisch ägyptisch erkennen. Es sind Bilder, die vom Alltag der Menschen erzählen, mehr noch aber von Götterglauben und vor allem von der Macht der Herrschenden.

Seltsam fremd wirkt die ägyptische Kunst auf uns. Wir sehen einerseits naturgetreue Darstellungen der Welt vor fünf Jahrtausenden, andererseits Bilder voller Formalismen: Viele Figuren sitzen steif und gerade, die Hände stets auf die Knie gelegt. Gesichter werden im Profil dargestellt, die Augen aber, die Schulter und die Brust sind nach vorn gewendet, während Arme und Beine wieder von der Seite gezeigt werden. Die Figuren wirken flächig, ihnen fehlt jede Dreidimensionalität. Waren ägyptische Künstler nicht in der Lage, sie darzustellen?
Handwerker und Diener


Vielleicht, vielleicht nicht. Das ist eine Frage, die für sie ohne Bedeutung war. Denn ägyptische Künstler erlebten Kunst nicht als freie Ausdrucksform. Sie waren Handwerker und Diener des Staates. Ein ägyptischer Künstler lernte, mit dem Liniennetz zu arbeiten, und übte sich in Schönschrift. Er übernahm vorgegebene Formen und Formeln, malte Männerhaut dunkler als die der Frauen, wichtige Personen größer als unwichtige. Niemand wollte etwas anderes von ihm als die Weitergabe des allseits Bekannten. Es gab keinen Anspruch, originell und einmalig zu sein. Wahrscheinlich galt derjenige als der beste Künstler, dessen Statuen den bewunderten Denkmälern der Vorzeit am ähnlichsten waren.
Neue Darstellungsformen


Über Jahrhunderte veränderte sich die Kunst der Ägypter kaum. Selbst in der Spätzeit und unter fremder Herrschaft - etwa den Römern - blieb sie ihrem Formalismus treu. Anders verhielt es sich in Griechenland. Die Kunst hatte hier eine Chance auf Weiterentwicklung, weil die geografischen und politischen Gegebenheiten andere waren. Es gab kaum je einen Alleinherrscher wie in Ägypten. Die Menschen an der Ägäis lebten miteinander in Bürgergemeinden, in Stadtstaaten (polis). Sie hatten mehr Freiheit - auch in der Kunst.
Die Zeitenwende in der antiken Kunst begann ungefähr um 600 vor Christus. Zur selben Zeit, als die Philosophie den Verstand entdeckte, begaben sich die ersten Künstler auf die Suche nach der Wirklichkeit. Beide - Philosophie und Kunst - waren vom Erkenntniswillen durchdrungen. Die antiken Bildwerker wollten darstellen, wie der Mensch wirklich aussieht. Und sie probierten neue Darstellungsformen aus.
Eine Erkenntnis machte die nächste möglich. Kaum fand ein Bildhauer heraus, wie man den Brustkorb meißelt, entdeckte der nächste, dass eine Statue lebendiger wirkt, wenn die Füße nicht fest am Boden stehen. Wie ein anderer erkannte, dass es ein Gesicht belebt, wenn man die Mundwinkel nach oben zieht - so, als ob es zu lächeln scheint. Der Fuß durfte nun frontal gezeigt werden und musste nicht mehr nur seitlich gedreht sein. Die Kunst erkannte den Charme von Verkürzungen und Proportionen, die Darstellungen wandelten sich vom Regelmäßigen zum Bewegten, auch zum Dramatischen. Noch kam es den Bildschaffenden nicht darauf an, ein wirkliches Gesicht festzuhalten, einen Menschen aus Fleisch und Blut nachzubilden. Noch waren ihre Werke Typen, keine Individuen. Doch der Wandel hatte begonnen.
Die meisten Kunstwerke des antiken Griechenlands sind für uns heute verloren. Der furchtbare Krieg zwischen Athen und Sparta ließ kaum etwas von ihnen übrig. Eines der wenigen erhaltenen Werke jener Epoche ist das Relief einer Siegesgöttin, entstanden 408 vor Christus. Die Göttliche hat eben im Gehen innegehalten, um ihre Sandale zu schnüren. Man sieht den üppigen Faltenwurf des Gewandes, wie er vom letzten Schritt nachschwingt: Der unbekannte Künstler hatte keine Schwierigkeit mehr, Stein lebendig werden zu lassen.
Der nächste Schritt in der Entwicklung kommt in der Zeit Alexander des Großen. Während der makedonische König im 4. Jahrhundert vor Christ das persische Reich und die griechische Kultur weit in den Orient hineinträgt, entwickeln sich in der Kunst Typen allmählich zu Individuen. Nun werden auch die Gesichter beseelter. Die Künstler sind in der Lage, die persönlichen Züge zu erfassen und damit der Echtheit den Vorzug zu geben - bisweilen auch auf Kosten der Ebenmäßigkeit.
Missglückter Rettungsversuch


Eines der großen Kunstwerke jener Zeit, das zum Allgemeingut der europäischen Geisteswelt zählt, ist die sogenannte Laokoon-Gruppe. Das Marmorwerk stellt den Todeskampf des trojanischen Priesters und seiner Söhne dar. Dem Mythos zufolge hatte Laokoon versucht, sein Volk vor dem Trojanischen Pferd zu warnen - vergeblich, wie wir wissen. Sein missglückter Rettungsversuch endete in einem Rachemord. Denn die Götter - parteiisch aufseiten der Griechen - zürnten dem Priester ob seiner Einmischung in politische Angelegenheiten.
Die Olympier sollen zwei riesige Schlangen über das Meer geschickt haben, um Laokoon und seinen Nachwuchs erwürgen zu lassen. Der Künstler hat die Priesterfamilie im Angesicht des Todes festgehalten. Wir sehen die pumpenden Muskeln des Rumpfes und der Arme, die Anspannung und Qual des hoffnungslosen Ringens, das schmerzerfüllte Gesicht des Priesters, das hilflose Sich-Winden der Söhne. Wie schließlich die wirbelnde Bewegung zur dauernden Gruppe erstarrt ist, das erweckt bis heute Bewunderung.
Vieles wurde kopiert


Doch wir kennen nicht das griechische (Bronze-)Original dieser Figurengruppe. Erhalten geblieben ist uns nur eine Marmorkopie aus der Römerzeit. Das ist nicht ungewöhnlich: Wären die Römer nicht so eifrige Kopisten gewesen, wir wüssten wenig über die Kunst der Hellenen. Das klassische Griechenland verlor im Krieg zwischen Athen und Sparta nicht nur den Großteil seines kulturellen Erbes, sondern auch Glanz, Einfluss, Macht. Rom dagegen wuchs - und sog auf, was andere Länder an Kultur hervorgebracht hatten.
Griechische Kulturschaffende waren hoch angesehen in Rom, gern kauften die dortigen Sammler hellenistische Meisterwerke oder deren Kopien. Auch die Laokoon-Gruppe dürfte auf diesem Weg die Zeiten überdauert haben. Gefunden wurde die Gruppe übrigens in der Nähe der alten Kaiservilla Neros. Die weißen Marmorstatuen, die heute in unseren Museen stehen, sind vielfach römische Kopien griechischer Meisterwerke.
Das Ende der griechischen Antike wurde mit dem Beginn des Römischen Kaiserreichs besiegelt. Vorbei war es mit der Kunst auf der Suche nach Erkenntnis. Gefragt waren wieder handwerkliche Fähigkeiten: Die siegreichen Römer wollten ihre Siegestaten verkünden und von ihren Feldzügen berichten. So ließ der Feldherr Trajan eine gewaltige Säule errichten, auf der die Chronik seiner Siege aufgezeigt ist: die Trajanssäule in Rom. Den Römern ging es weniger um Schönheit, Harmonie oder dramatischen Ausdruck, es ging ihnen um gefällige Berichterstattung. Einmal mehr erfuhr die Kunst einen Funktionswandel. Sie war wieder mehr Handwerk - und ein Mittel der Werbung, der Propaganda.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Der Siegeszug des Christentums in Europa

Streit um die Pharaonin Die Büste der Nofretete ist eines der bekanntesten Kunstwerke des alten Ägyptens. Und sie steht in Berlin. Warum eigentlich? Wem gehören Kunstschätze: Dem Land, aus dem sie stammen? Oder dem, das über sie Besitz erlangt hat? Letzteres reklamiert Deutschland für sich. Denn preußische Archäologen waren es, die Nofretete 1924 vom Nil an die Spree brachten. Seither fühlen sich die Ägypter um einen ihrer wichtigsten Kulturschätze geprellt. Es geht ihnen dabei nicht anders als den antiken Griechen: Deren kulturelles Erbe wurde mal von den Persern einkassiert, mal von den Römern. Der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus schrieb etwa über Kaiser Caligula, habe in Griechenland keinen Tempel ungeplündert gelassen.

Der ideale Körper In der antiken Kunst wimmelt es nur so von nackten Menschen. Ungewöhnlich ist das nicht, bloße Körper sind verbreitet in der gesamten Kunstgeschichte. Auch die steinzeitliche Venus von Willendorf ist nackt, hätte allerdings mit ihrer Üppigkeit in der Antike keine Bewunderer gefunden. Denn die Griechen und Römer bevorzugten idealisierte Darstellungen der Nacktheit. Ihnen galt der muskulöse und makellose Körper als Zeichen von Gesundheit, Schönheit, Leistungsfähigkeit und Perfektion. Ging es indes um geistige Idealbilder, wurden die Figuren bekleidet dargestellt.

Der Haupttext dieser Seite entstand auf Grundlage eines Vortrages, den Angelika Koch im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung besorgten Andrea Mertes und Andreas Pecht. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Telefon 02661/6702, E-Mail: mail@marienberger-akademie. de. Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Die Reihe wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz red

Mehr von Volksfreund