1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Teil 18: Mittelalterliche Stadtluft macht frei

Teil 18: Mittelalterliche Stadtluft macht frei

Im Hochmittelalter beginnt der Weg zum selbstbestimmten Bürgertum. Mit den ersten Städten entwickeln sich machtvolle Zentren von Handel und Handwerk. Eine neue Blütezeit beginnt, die auch die Kunst verändert.

Die Straßen oft aus getretenem Lehm, voll mit Unrat und Fäkalien, Ratten und Ungeziefer: Idyllisch waren sie nicht, die mittelalterlichen Städte. Und doch wollte jeder hinter ihren schützenden Mauern leben. Denn die Stadt versprach Arbeit, persönliche Freiheit und gesicherte städtische Rechte. Es war ein Ort, der sich am ehesten der Einflussnahme von Adel und Geistlichkeit entzog. Hier stand die Wiege der neuzeitlichen Kultur.
Kulturgeschichte der Menschheit


Städtische Hochkulturen existierten schon lange vor Christi Geburt. Eine der ältesten Städte der Welt, Jericho, war schon vor 11 000 Jahren ein reges Handelszentrum. Nördlich des Mittelmeers, im heutigen Europa, begann die Städtebildung im zweiten Jahrtausend vor Christus. Sie erfuhr weite Verbreitung durch die griechische Kolonisation und später in den von Römern unterworfenen Gebieten. In Germanien entstanden Städte wie Colonia Agrippinennsis (Köln), Moguntiacum (Mainz) oder Augusta Treverorum (Trier). Eine gallorömische Bevölkerung lebte dort mit komfortablen Badehäusern, bescheidenen religiösen Freiheiten und Rechtsvertretern wie dem Magistrat. Doch mit dem Zerfall des römischen Kaiserreichs standen die Städte ohne Schutz da. Hunnen und Vandalen plünderten sich durch die Straßen, die Menschen gingen fort. Die Völkerwanderung begann. Und damit ein großes Neusortieren quer über den Kontinent.

Angeln, Sachsen und Franken: Jahrhunderte sollten ins Land gehen, bevor sich die Lebensverhältnisse konsolidierten. Zwei Eroberungen klärten die Sachlage dauerhaft: Angeln und Sachsen besetzten erfolgreich Britannien, die Franken besiedelten Gallien. Als der ebenso tatkräftige wie machthungrige Frankenkönig Chlodwig 496 Christ wird, verschmilzt der Rest des alten weströmischen Reiches mit der germanischen Bevölkerung. Die Grundfesten dessen sind gelegt, was heute Europa heißt.

Existenzsicherung:
Um das Städtewesen stand es schlecht im Frühmittelalter. Die römischen Freiheitsrechte waren außer Kraft gesetzt, die alten Handelstraditionen aufgelöst. Wo noch Zivilisation war, ging sie von den Klöstern aus. Hier wurde Geschichte bewahrt und aufgeschrieben, wurde gelesen, gezeichnet und Musik gemacht. Im Rest des Landes widmete man sich der reinen Existenzsicherung. Zwischen den antiken Mauern der zerfallenen Römerstädte wurde Korn angebaut und das Vieh gehütet.
Freiheit für Leibeigene:
Erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kehrten auch die Städte zurück. Ab dem 11. Jahrhundert bildeten sich im Schutz von Burgen und Klöstern erste größere Orte. Meist waren es Gründungsstädte mit eigenen Grundsätzen. Einen davon kennen wir bis heute. Er lautet: "Stadtluft macht frei". Diese Sentenz galt im Mittelalter wortwörtlich. Denn die Flucht in die Stadt war die einzige Möglichkeit, einem Leben als Leibeigener zu entkommen. Wer es schaffte, wenigstens ein Jahr in der Stadt zu überleben, ohne dass ihn der Dienstherr mit Gewalt zurückholte, war frei und bekam die Stadtrechte. So regelte es ein mittelalterlicher Rechtsgrundsatz.

Neues Selbstbewusstsein:
Das städtische Leben förderte ein neues Selbstbewusstsein. Innerhalb der Ringmauern galt nicht mehr allein das Wort der fürstlichen oder geistlichen Macht. Zwar wurden viele Städte von Adeligen beherrscht. Aber es gab in großer Zahl auch selbst verwaltete Städte. Freie Reichsstädte etwa waren keinem Fürsten, sondern direkt dem Kaiser unterstellt. Sie waren im Inneren weitgehend autonom und verfügten über eigene Gerichtsbarkeit. Worms, Mainz oder Speyer zählten beispielsweise zu diesen Städten.

Wehrhaft gegen Feinde:
Unabhängig werden: Danach strebten die Städte. Es gelang ihnen umso leichter, je reicher sie waren. Wo Handwerk und Handel florierten, schaffte man es dauerhaft, sich gegen geistige oder weltliche Ansprüche zu wehren. Wehrtechnisch organisierten sich die Städte wie Burgen. Wer das Befestigungsrecht besaß, baute eine Stadtmauer, hinter der die Bürger sich geschützt fühlen konnten. Im Falle eines Angriffs gehörte es selbstredend zur ersten Bürgerpflicht, bei der Verteidigung mitzuhelfen. Wer sich keine Waffen leisten konnte, für den lag im Zeughaus entsprechendes Material aus.

Städtischer Frieden:
Innerhalb der Stadtmauer galt der städtische Frieden, der aus dem Burgfrieden hervorgegangen war. Prügeleien auf offener Straße etwa waren danach kein Kavaliersdelikt. Sie konnten als Bruch des Bürgereids interpretiert werden - was im schlimmsten Fall den Ausstoß aus der Gemeinschaft zur Folge hatte.

Diskussionen im Stadtrat:
Festgeschrieben waren diese Regelungen - darunter auch Münz-, Steuer- und Zollrechte - in Statuten. Wie diese Rechte im Einzelnen auszusehen hatten und wie die Stadt als Staat im Kleinen funktionieren konnte und sollte, darüber diskutierten die Mitglieder des Stadtrats - der sich ab dem 12. Jahrhundert durchsetzte - mit Verve. Vertreter von Handel und Handwerk standen sich gegenüber und kämpften um die Regierungshoheit - ähnlich wie früher Patrizier und Volkstribunen in Rom. Wie die Klöster es vorgemacht hatten, organisierten sich manche Städte in schlagkräftigen Bünden. Der größte und mächtigste Deutschlands wurde die Hanse, die sich ab dem 12. Jahrhundert, nach der Gründung von Lübeck, entwickelte (siehe Extra). Zusammen mit Köln und Nürnberg zählt Lübeck zu den größten deutschen Städten des Mittelalters.

Mehr Kulturförderer:
Ab dem 13. Jahrhundert spielten die Städte politisch und wirtschaftlich eine zunehmend größere Rolle. Ihre Bürger fühlten sich immer unabhängiger von der Macht der Kirche und der Feudalherren. Neben der Kirche, die bisher die größte Auftraggeberin für die Künstler war, traten jetzt reiche Kaufleute, Adelige und die Städte selbst als Auftraggeber auf. Wettbewerb entstand. Die starren Regeln für das künstlerische Schaffen wurden aufgeweicht. Es gab jetzt mehr und mehr profane (nicht religiöse) Kunst. Und allmählich veränderte sich das Stadtbild.

Neue Gebäude:
Natürlich baute man noch Kathedralen. Aber in den blühenden Städten gab es einen großen Bedarf an weltlichen Bauwerken. Rathäuser wurden in Auftrag gegeben und Zunfthäuser, Schulgebäude, Stadtpaläste, Brücken und Stadttore. Wer Architekt war oder Baumeister, hatte ausgesorgt. Die Stadtbürger, jetzt selbstbewusst und relativ unabhängig, waren stolz auf ihren Reichtum und investierten gerne in repräsentative Formen. Ein Beispiel für die weltliche Architektur jener Zeit ist der Prunkbau des Staatsoberhauptes von Venedig, der Dogenpalast. Baubeginn war 1309, als die Lagunenstadt ihren Höhepunkt an Macht und Einfluss erreichte.

Geschmack ändert sich:
Auch die Einstellungen zur Malerei und Bildhauerei änderten sich. Im 14. Jahrhundert fragten die Künstler nicht mehr, wie die heiligen Geschichten möglichst schlicht und klar zu erzählen seien. Lieber lösten sie sich weitgehend von den Vorlagen der Kirche und überlegten, mit welchen Mitteln etwas so getreu wie möglich abgebildet werden könne. Das Publikum hatte seinen Geschmack geändert. Es begann, Kunstwerke danach zu beurteilen, wie getreu sie die Natur nachahmten und wie viele Details aus der Wirklichkeit im Bilde zusammengetragen waren. Die Künstler reagierten, indem sie das Malen neu lernten. Blumen, Tiere, auch Menschen: Alles sollte lebensecht dargestellt werden. Das wohl älteste Selbstbildnis eines Künstlers entstand in dieser Zeit: Der Dombaumeister Peter Parler mauerte sein Porträt in den Chor des Prager Doms hinein.

Die Pest kommt nach Europa:
Es war im 14. Jahrhundert, als die rasante Entwicklung der Städte wieder zum Stillstand kam. Der Unrat auf den Straßen, die Ratten und das Ungeziefer bereiteten dem Schwarzen Tod eine Bühne, auf der er sich austoben konnte: Die Pest war nach Europa gekommen.
In der nächsten Folge: Minne - seltsames Liebesideal bei Hofe
Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichte
Extra

Die Arbeitswelten verändern sich in jeder neuen Epoche: Mit dem Gründungsboom der mittelalterlichen Städte begann die Zeit der Zünfte. Diese Zusammenschlüsse von Handwerkern regelten unter anderem Ausbildungsformen, Arbeitszeiten und Preise. Sie waren aber auch eine politische Macht, erstritten sich ihre Teilhabe an den politischen Geschicken der Stadt gegenüber dem Adel und der Geistlichkeit. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert endete die Zeit der Zünfte. In Resten bis heute erhalten hat sich die Walz: Wer es nach der Lehrzeit zum Gesellen bringen will, geht in traditioneller Arbeitskleidung auf mehrjährige Arbeits-Wanderschaft.

70 deutsche Städte zählten um das Jahr 1400 zum Kern des mächtigen Verbundes der Hanse (Foto: dpa), dazu weitere 130 kooperierende Städte. Ursprünglich entstanden als ökonomisches Netzwerk deutscher Kaufmannsgenossenschaften im Ausland, wurde die Hanse im 14./15. Jahrhundert zu einem der gewichtigsten Faktoren nord- und nordosteuropäischer Politik. Die Wirtschaftsvereinigung mauserte sich de facto zur Großmacht. Ihr Niedergang begann 1494 mit Schließung des Kontors von Nowgorod. Nach dem Dreißigjährigen Krieg setzten Lübeck, Hamburg und Bremen die Hansetradition in kleinem Maßstab fort.

Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e. V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e. V., Telefon: 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de

Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red