Theo gegen den Rest der Welt

BITBURG. Stolz waren die meisten Bitburger zunächst, als feststand, dass Ronald Reagan und Helmut Kohl 1985 die kleine Eifelstadt besuchen würden. Zunehmend machten sich allerdings Fassungslosigkeit und Verbitterung breit. Ein neues Buch zum Thema liefert interessante Einblicke.

Der Mann muss wissen, was damals wirklich lief im Vorfeld des umstrittenen Staatsbesuchs, am Tag selbst, bei der Zeremonie auf Kolmeshöhe, auf der Bitburger Airbase und vor allem in seiner Stadt. Schließlich war Theo Hallet damals Bürgermeister und damit hautnah dabei und unmittelbar beteiligt. 20 Jahre schwieg er, jetzt, passend zum Jahrestag, hat er ein Buch zum Thema geschrieben mit dem beziehungsreichen Titel "Umstrittene Versöhnung". Theo Hallet erzählt von großen Tieren und kleinen Leuten, von Politikern, die sich in die Büsche schlugen, als es eng wurde, und die erst wieder nach vorne drängelten, als die Kameras der Weltöffentlichkeit auf sie gerichtet waren, von Verwaltungsangestellten, die fast rund um die Uhr versuchten, aus der verfahrenen Situation das Beste zu machen. Niemand hatte die Bitburger gefragt, ob sie den Besuch der Staatsmänner auf dem Soldatenfriedhof Kolmeshöhe überhaupt wollten. Kein Vertreter der Stadt war dabei, als Helmut Kohl am 22. März 1985 per Hubschrauber einschwebte und zusammen mit dem damaligen Regierungspräsidenten Gerhard Schwetje und Landrat Fritz Gasper die Soldatenfriedhöfe in Daleiden und Bitburg besichtigte. Kohl entschied sich für Bitburg. Ein Inspektionsteam der US-Regierung besichtigte den Friedhof, es war Februar, überall lag Schnee, keiner sah die kleinen Grabplatten mit den SS-Runen. Das Drama nahm seinen Lauf. Gereizte Stimmung im Städtchen

Eindrücklich schildert Hallet in seinem Buch die Verbitterung der Bitburger Bürger, erzählt von der gereizten Stimmung, die in dem Städtchen herrschte, vom Ausnahmezustand und dem Gräberfeld, das zeitweise einem Rummelplatz glich. Nicht nur die Stadt und ihre Bürger wurden zur Zielscheibe der Medien, auch Hallet selbst geriet unter massiven Beschuss. Presse und Rundfunk kramten in seiner Vergangenheit, versuchten alles, um an die genauen Personaldaten der toten SS-Angehörigen zu kommen. Wenig gnädig geht der Autor mit "dem Wirrwarr und der Inkompetenz in Bonn und Washington um", nennt aber auch all diejenigen beim Namen, die mit aller Kraft dafür schufteten, dass dieser Besuch stattfinden konnte und friedlich über die Bühne ging. Die Geste der Versöhnung auf dem Soldatenfriedhof war für ihn "fehl am Platze und überflüssig". Hart fällt Hallets Urteil über den eilends ins Programm aufgenommenen Händedruck der beiden Generäle Steinhoff und Ridgeway aus: "Mich berührte diese Szene damals peinlich." Er spricht im Zusammenhang mit der gesamten Zeremonie von respektloser Kürze und kommt zu dem Schluss: "Fast alles, was in diesen zehn Minuten geschah, war meiner Meinung nach zu kurz, zu wenig, zu eilig und daher peinlich und eine Zumutung." Über diesen Staatsbesuch vor 20 Jahren ist viel geschrieben worden. Aber noch nie eine so hautnahe Betrachtung, ein so authentisches Stück Zeitgeschichte. Verfasst von einem, der diese ungeheure Belastung getragen und ausgehalten hat. Der dabei war und nach 20 Jahren endlich der Welt plausibel und eindrücklich erklärt, warum auch heute noch viele Bitburger genervt reagieren, wenn Kritik an dem historischen Ereignis geübt wird. Die Lektüre dieses 128 Seiten starken Bändchens lohnt in jedem Fall. Geschrieben hat es Theo Hallet wohl nicht nur für seine Bitburger, sondern vor allem auch für die, die diese Stadt und ihre Bürger samt den Soldatenfriedhof Kolmeshöhe in die reaktionäre Schublade der Geschichte einsortiert haben. Absolut lesenswert! Theo Hallet: Umstrittene Versöhnung, Sutton Verlag, 128 Seiten, 60 Abbildungen, 14,90 Euro.