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Tonnenweise Antibiotika für Tiere: Trierer Forscher warnt vor Risiken

Trier/Berlin. Deutsche Tierärzte verschreiben jährlich 1734 Tonnen Antibiotika für Kühe, Schweine oder Hühner. Experten warnen: Dadurch bilden sich resistente Keime, die Menschen gefährden. Künftig soll der Medikamenteneinsatz im Stall besser überwacht werden. Katharina Hammermann

In der Tiermedizin werden viel mehr Antibiotika eingesetzt als gedacht: Das zeigt eine vom Bundesamt für Verbraucherschutz veröffentliche Studie, die erstmals auflistet, wie viele Antibiotika zum Einsatz kommen: 2011 hat die Pharmaindustrie Tierärzten 1734 Tonnen zur Verfügung gestellt - mehr als doppelt so viel wie zuvor geschätzt. Doch jeder Einsatz von Antibiotika birgt die Gefahr, dass Bakterien Resistenzen entwickeln: Medikamente gegen sie wirken nicht mehr; Krankheiten bei Mensch und Tier sind anschließend nicht mehr behandelbar. Der EU-Kommission zufolge sterben europaweit deswegen jährlich 25.000 Menschen. Der Trierer Geowissenschaftler Sören Thiele-Bruhn weist zudem auf die bisher wenig bekannte Gefahr hin, dass resistente Keime auch über belastete Gülle, die auf dem Acker landet, den Weg zum Menschen finden können.Die Bundesregierung hat nun Besserung versprochen: Das Kabinett beschloss am Mittwoch eine Änderung des Arzneimittelgesetzes, welcher Bundestag und Bundesrat noch zustimmen müssen. Kern: Durch den Aufbau einer Datenbank der Länder soll die Antibiotikaverwendung ab 2013 stärker erfasst und kontrolliert werden. Für Mittel, die bei der Heilung von Menschen wichtig sind, wird ein Verbot in der Tiermast geprüft.Die rheinland-pfälzische Landwirtschaftsministerin Ulrike Höfken (Grüne) aber hält das geplante Gesetz für unwirksam. Das Risiko von Resistenzen werde sogar erhöht. Denn statt der Menge solle nur die Häufigkeit des Antibiotikaeinsatzes gemeldet werden. Damit bestehe unter anderem der Anreiz, die Mengengaben zu erhöhen. Und so steige das Risiko. Auch die Massentierhaltung ist in der Kritik. "In der Intensivhaltung werden 40 Mal mehr Antibiotika eingesetzt als in deutschen Krankenhäusern", schreibt der Bund für Umwelt- und Naturschutz an Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU). Für Höfken sind Antibiotika "die Schmiermittel der Massentierhaltung". Sie fordert, die Haltung so zu verbessern, dass weniger Medikamente nötig sind.Untersuchungen in Nordrhein-Westfalen hatten gezeigt, dass der Antibiotika-Einsatz ein Massenphänomen ist. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau betont aber, dass die Mittel nur eingesetzt würden, wenn Tierärzte dies für nötig halten.