Tourismus: Von "Moselochsen" und Zimmern mit WC

Tourismus: Von "Moselochsen" und Zimmern mit WC

Was machen Moselaner, wenn sie jemand in einem Reisebericht als Ochsen bezeichnet, über Cochem lästert und sich über mangelnde moselländische Kochkunst beklagt? Fast alle reden darüber. Die einen, weil sie wütend sind. Andere, weil sie es zum Anlass nehmen, über Tourismusqualität zu diskutieren. Selbst viele Gäste wissen um den Ärger - und genießen dennoch einfach ihren Urlaub.

Bernkastel-Kues. Die Welt ist weder schwarz noch weiß. Unzählig sind die Graustufen, die irgendwo zwischen den Extremen liegen. Dennoch sagt der Reisejournalist Jakob Strobel y Serra (Frankfurter Allgemeine Zeitung): "Manchmal muss man einfach extreme Positionen einnehmen". Das hat er getan. In einem Reisebericht über die Mosel, der an dem sonst so gelassen dahinfließenden Gewässer seitdem hohe Wellen schlägt. Während die Politiker wütende Briefe schreiben, gibt so mancher Moselaner dem Medienmenschen recht. Und das, obwohl er sie als liebenswerte, aber auch kolossal sturköpfige "Moselochsen" bezeichnet. Der Volksfreund bildet die Debatte ab. Schwarz auf Weiß. Mitsamt der Grautöne, die im Reisebericht fehlen. Auch ein zorniges Rot gehört zur Farbpalette.
Weiß


"Eine kunstvollere Kulturlandschaft, eine gelungenere Kollaboration von Mensch und Natur gibt es kein zweites Mal in Deutschland. (…) Es ist dieser ständig wechselnde Rhythmus aus Kurve und Gerade, dieser wundersam aufgelöste Widerspruch aus Urtümlichkeit und Kultiviertheit, der die Mosel zu einem Gesamtkunstwerk aus Wasser und Wein werden lässt. Ein hübscher Fluss wäre sie ohne ihre Reben. Eine überwältigende Schönheit ist sie dank ihnen", schreibt Jakob Strobel y Serra unter dem Titel "Der Schönheit wohnt der Schrecken inne" im Reiseteil der FAZ.
Er sagt, er habe durch seine Reisen das Glück, fast alle wichtigen Weinbaugebiete der Welt zu kennen. Und es fallen ihm nur zwei weitere ein, die es mit der Schönheit der Mosel aufnehmen können, nämlich das obere Duerotal in Portugal und das nördliche Burgund. "Sie müssen sich mal vorstellen, was die Mosel sein könnte!", sagt er. "Sie könnte ein Weltstar sein!"
Was sie stattdessen aus seiner Sicht ist, beschreibt er mit Worten, die so schonungslos sind, dass sie viele Moselaner verletzt haben.
Schwarz


Besonders hart geht der FAZ-Autor mit Cochem ins Gericht - "eine Art Mosel-Ballermann, (…) abgewetzt vom Massentourismus, verhunzt vom Nachkriegsbetonbrutalismus. Das Publikum sieht aus wie RTL2, das Stadtbild, als bezöge es Hartz IV (…). Man wünsche sich, eine gewaltige Gnadenflutwelle möge die ganze Chose ad hoc renaturieren".
So märchenhaft idyllisch der Journalist es in Bernkastel-Kues auch findet, auch dieses "Hänsel-und-Gretchen-Städtchen" bekommt sein Fett weg - wegen der "altbackenen Spießigkeit, die in ihren Kunstledersandalen noch in die lauschigsten Winkel trampelt". Wegen Geschäften, die Topsy Junge Mode heißen ("da will man freiwillig nie wieder jung sein"), wegen des Schrebergartenmobiliars der Cafés oder der gastronomischen "Saucenersäufungsmanie".
"Noch immer können sich die Vermieter von Ferienwohnungen damit rühmen, dass ihre Unterkünfte über ein eigenes WC verfügen. Noch immer blüht an der Mosel eine biedermeierliche Kännchen-Kaffee-Kultur." Und noch immer funktioniere die antiquierte Form des anspruchslosen Sauftourismus so gut, dass man offenbar keinen Anlass sehe, das Geschäftsmodell zu ändern …
Zornesrot


Mehr als 100 Briefe und Anrufe hat der Journalist nach eigenen Angaben aus der Region erhalten. Aus vielen sprach Wut - insbesondere aus jenen der Politiker. Gregor Eibes (CDU), Landrat des Kreises Bernkastel Wittlich ärgert sich über "schlecht recherchierte Inhalte" und einen Schreibstil, der eine ganze Tourismusregion verunglimpfe. Er bemängelt, dass all die Erfolge, Bemühungen und auch die Bandbreite des touristischen Angebots unerwähnt geblieben seien. Unternehmer und Betriebe würden mit Füßen getreten, Einheimische und Urlauber beleidigt. Eibes fürchtet einen Imageschaden mitten in der Hochsaison und fordert eine Entschuldigung.
Der Landtagsabgeordnete Benedikt Oster (SPD) bezeichnet den Artikel gar als "verbalen Amoklauf". Der FAZ-Text sei "der größte journalistische Anschlag auf Cochem, den es seit der Nachkriegszeit in einem bundesweit erscheinenden Medium" gegeben habe. Selbst Ex-Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) hat sich in die Debatte eingeschaltet. Der passionierte Cochem-Tourist bricht eine Lanze für die Kreisstadt, in der er seit Jahren Stammgast ist. Einen Grund zum Handeln sieht er nicht. "Die Leute, die da für den Fremdenverkehr zuständig sind, wissen schon, was sie tun", sagte Beck der Rhein-Zeitung.
Der Reisejournalist bezeichnet die Reaktion mancher Politiker als "reflexartigen Lokalpatriotismus". "Wenn das alles ist, was ihnen einfällt, dann sind sie Teil des Problems." Eine andere Reaktion zeigt Wolfgang Port, Stadtbürgermeister von Bernkastel Kues. Er findet den Artikel zwar überzogen und beleidigend. "Aber wenn es das Ziel war, eine ganze Region wachzurütteln und zum Nachdenken zu bringen, dann ist das gelungen", sagt Port, der für seine Stadt seitdem selbst Bilanz gezogen hat: In den vergangenen Jahren habe es eine enorme Entwicklung gegeben. Doch seien da durchaus noch Betriebe, die den Charme der 70er-Jahre ausstrahlten oder ihr gastronomisches Angebot verbessern könnten. Er findet es gut, dass über so etwas nun diskutiert wird.
Viele Schattierungen Grau


Die betroffenen Touristiker an der Mosel sind natürlich nicht begeistert über die harten Worte. Allerdings sind sie zur Selbstreflexion bereit. "Der Journalist legt seine Finger in Wunden", sagt Sabine Winkhaus-Robert, Chefin der Mosellandtouristik.
Auch Elke Schwaab, Leiterin der Tourist-Information Zeltingen-Rachtig gibt dem Text zum Teil recht. Cochem sei in der Zeit stehengeblieben, sagt sie. Auch würde sie sich noch mehr engagierte Betriebe wünschen, die sich um Regionalität und Qualität bemühen. Und weniger rot-grüne Badezimmerkacheln, Blümchentapeten und Duschen auf dem Flur.
Bei allem Ärger über so manche Formulierung stellt auch Dieter Johann, Cochemer Hotelier und Vorsitzender der Arge Gastlichkeit und Tourismus, einige kritische Fragen: Fragen über den Schilderwald in seinem Städtchen, über Dönerbuden und Schnitzelhäuser, über 1-Euro-Partys, über die Qualität der Souvenirs oder die Manier, Touristen wie auf dem Basar anzusprechen, um sie ins Lokal oder Geschäft zu locken.
Allerdings verweisen die Touristiker auch auf all das, was der Artikel aus ihrer Sicht ausblendet: auf die vielen Betriebe, die Geld und Arbeit in ein hochwertiges, regionales und unverwechselbares Angebot investiert haben. Auf die große Bandbreite, die es an der Mosel "zwischen Gourmettempel und Schnitzelhaus" gibt. Auf die Erfolge des Weintourismus. Auf Studien, die zeigen, wie beliebt die Mosel unter Gourmets und Radfahrern ist. Auf die tollen Rad- und Wanderwege, die einmalige Landschaft, die Sehenswürdigkeiten, die Dachmarke oder die rund 80 zertifizierten Moselgastgeber …
Als große Herausforderung sehen sie die ungeklärte Nachfolge vieler Betriebe. "Gästezimmer wird es in ein paar Jahren deutlich weniger geben", sagt Schwaab. Auch der demografische Wandel und der Fachkräftemangel zählen für Winkhaus-Robert zu den großen Herausforderungen ebenso wie der Erhalt der Infrastruktur - ist der öffentliche Nahverkehr doch jetzt schon lückenhaft. Viele dieser Herausforderungen betreffen Eifel und Hunsrück genauso stark wie die Mosel.
So seien 2000 der insgesamt 2800 Eifeler Übernachtungsbetriebe Kleinstunternehmen, sagt Klaus Schäfer, Geschäftsführer der Eifel Tourismus GmbH. Ein großer Teil davon habe kein professionelles Management. Deshalb gebe es schon seit mehr als zehn Jahren Schulungen. Schon sehr früh habe man die Zertifizierungen mit der Regionalmarke Eifel verknüpft - der ersten Regionalmarke des Landes. Insgesamt verfügen 600 Betriebe über Zertifizierungen, 1000 hätten an Schulungen teilgenommen. "Das ist ein permanenter Prozess", sagt Schäfer, der findet, dass Eifel, Mosel und Hunsrück auf einem guten Weg sind. Im Hunsrück, der stark auf den Wandertourismus setzt, liegt ein Schwerpunkt derzeit auf der Schulung von Wandergastgebern.Die Farben des Urlaubs


Eis leckend schlendern zufrieden dreinschauende Touristen durch Bernkastel und bummeln unter azurblauem Himmel zwischen den farbenfrohen Fachwerkhäusern an Auslagen mit Herrenhüten, Satinblousons und Perlenketten vorbei. Ist Bernkastel altbacken? "Ja", sagt der aus Hamburg zugewanderte Michael Muuss, der in Bernkastel ein Tabak- und Schreibwarengeschäft betreibt. Vielerorts werde man um Jahrzehnte zurückversetzt.
Wenige Meter weiter arbeitet Harvinder Singh. Er ist Chef des Modegeschäfts Topsy Junge Mode. Jeder könne seine Meinung äußern, doch er verstehe nicht, was der Autor an seinem Angebot oder am Namen seines Geschäftes auszusetzen hat. Zumal er es doch vor einigen Jahren extra umbenannt habe (früher hieß es Popsy Junge Mode) . Die Urlaubsgäste fänden sein Angebot klasse.
Auch sonst machen die Touristen einen sehr zufriedenen Eindruck. Ja, fragt man sie, dann geraten sie über ihren Moselurlaub regelrecht ins Schwärmen. Horst und Erika Zenz aus Koblenz, die seit mehr als 50 Jahren nach Bernkastel-Kues kommen, ebenso wie Hans-Werner und Monika Klag (beide 65), die für ihren Skiclub eine Radtour an der Mosel organisieren, Susanne (45) und Damien Breen (42), die wegen ihrer Leidenschaft für Wein extra aus Kalifornien (USA) angereist sind oder Timo und Meike Baas (35, 33), die mit Baby Lukas eine Woche in Bernkastel verbringen. Sie schwärmen vom Morgennebel, der die Moselberge so traumhaft umhüllt, von der einzigartigen Atmosphäre der Altstadt, der Landschaft, dem köstlichen Wein, vom Schwenkbraten und von den tollen Radwegen …
Sie schwärmen. Und sie werden wiederkommen. Wahrscheinlich sogar dann, wenn alles so bleibt, wie es ist.

Online-Umfrage: Moselballermann und Moselochsen: Hat Reisejournalist Jakob Strobel y Serra recht mit dem, was er über die Tourismusregion Mosel schreibt?
Die Meinungen gehen auch bei TV-Lesern auseinander. Hier das Ergebnis einer nicht repräsentativen Online-Umfrage (Stand: Montag, 7.35 Uhr):
Der Mann schreibt doch die Wahrheit! (164)
In vielem hat er ja recht. Allerdings ist seine Betrachtungsweise zu einseitig und viel zu extrem. (103)
Unverschämt! Was der Journalist da schreibt, hat mit der Realität an der Mosel nichts zu tun. (53)

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