"Trendwende ist geschafft"

BERLIN. Wirtschaft, Bundesregierung und die Kultusminister der Länder wollen ihre Bemühungen für mehr Lehrstellen intensivieren und setzen dabei auf eine stärkere Einbindung der Schulen. Der Ausbildungspakt sei ein Erfolg und die Trendwende erreicht, sagte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) am Dienstag zum Auftakt der Ausbildungsplatzkampagne für 2005.

"Erstmals seit 1999 wurden 2004 wieder mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr", strahlte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sprach von einem "enormen Erfolg", der angesichts von 40 000 betrieblichen Insolvenzen im Vorjahr nicht hoch genug zu bewerten sei. Die Gewerkschaften reagierten weniger euphorisch und warfen den Akteuren Schönfärberei vor. Rein rechnerisch hat sich die Lage auf dem Lehrstellenmarkt tatsächlich entspannt. Ende Januar waren nach Angaben Clements noch etwa 12 000 junge Leute unversorgt. Auf der anderen Seite registrierte die Bundesagentur für Arbeit aber noch 4500 freie Lehrstellen sowie rund 15 500 Angebote für Einstiegsqualifikationen, die ebenfalls ungenutzt sind. Damit habe der Ausbildungspakt sein erstes Ziel erreicht, konstatierte der Minister. "Die Trendwende am Ausbildungsmarkt ist geschafft." Um einer drohenden Lehrstellenabgabe zu entgehen, hatte sich die Wirtschaft Mitte 2004 zu dem auf drei Jahre angelegten Ausbildungspakt verpflichtet. Danach sollten in Handwerk und Industrie pro Jahr 30 000 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden. Zudem sagte die Wirtschaft jährlich 25 000 Praktikumsplätze (Einstiegsqualifizierungen) zu.46 Prozent der Bewerber sind "Altfälle"

In der Praxis wurden die Abmachung übererfüllt - 30 000 Praktikumsplätze und fast 60 000 neue Lehrstellen schlagen jetzt zu Buche. Nach Abzug der weggefallenen Plätze bleibt immer noch ein Zuwachs von 22 500 betrieblichen Ausbildungsstellen gegenüber dem Jahr 2003. Für den zuständigen DGB-Experten Volker Scharlowsky relativiert sich diese Zahl jedoch erheblich, wenn man bedenkt, dass seit 2001 etwa 50 000 reguläre Lehrstellen abgebaut wurden. Rund 50 Prozent der Bewerber gingen inzwischen bei einem betrieblichen Ausbildungsplatz leer aus. Deshalb müssten sie auch auf berufsvorbereitende Maßnahmen zurückgreifen, sagte der Gewerkschafter unserer Zeitung. Mittlerweile seien 46 Prozent der Bewerber im neuen Ausbildungsjahr Altfälle, die zum Teil schon mehrfach "Warteschleifen" drehten. "Die Hürden des Ausbildungspaktes sind so niedrig, dass sie gar nicht reißen können", meinte Scharlowsky. Auch DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock hält eine einseitige Fixierung auf die zusätzlich geschaffenen Lehrstellen für irreführend. Denn bei steigender Nachfrage seien gleichzeitig 11,6 Prozent der überbetrieblichen Ausbildungsplätze gestrichen worden. So gesehen sei der "Ausbildungspakt eigentlich kein Erfolg". Auch Sehrbrock beklagte, dass immer mehr Jugendliche auf Ausweichmaßnahmen der Bundesagentur vertröstet würden. Dagegen forderte das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), Heinrich Alt, alle unversorgten Jugendlichen auf, von den Einstiegsqualifizierungen Gebrauch zu machen, "anstatt zu Hause auf ein besseres Angebot zu warten". Zumindest in diesem Jahr werden die Chancen dafür kaum steigen. Zwar will die Wirtschaft ihre Paktvorgaben auch im laufenden Jahr erfüllen. Zugleich nimmt aber die Zahl der Lehrstellenbewerber noch einmal um etwa 7000 zu. Das Durchschnittsalter zu Beginn einer Lehre liegt inzwischen bei 19,6 Jahren. Die Ursache für diesen hohen Wert sieht Arbeitgeberpräsident Hundt nicht zuletzt in der mangelnden Ausbildungsreife vieler Bewerber.