Treppen für Fische und sauberes Wasser

Trier · Die Mosel wird frühestens 2055 Fischtreppen haben, über die Lachse bis nach Trier wandern können. Die Nebenflüsse sollen nach Wunsch des Landes schon früher "barrierefrei" sein, das Wasser sauber, die Biotope artenreich. 470 Millionen Euro werden in Rheinland-Pfalz bis 2021 für den Wasserschutz ausgegeben. Der TV hat nachgehört, was mit dem Geld passiert.

 In den rheinland-pfälzischen Gewässerschutz werden viele Millionen Euro investiert. Bis aber der Lachs von der Rheinmündung in Koblenz moselaufwärts barrierefrei bis nach Trier wandern kann, werden wohl noch vier Jahrzehnte vergehen. Foto: iStock/alphabetMN

In den rheinland-pfälzischen Gewässerschutz werden viele Millionen Euro investiert. Bis aber der Lachs von der Rheinmündung in Koblenz moselaufwärts barrierefrei bis nach Trier wandern kann, werden wohl noch vier Jahrzehnte vergehen. Foto: iStock/alphabetMN

Trier. Durch eine Betonwanne fließt der Bach gurgelnd unter der Straße entlang, und wo er wieder ans Licht tritt, säumen steile Böschungen das schnurgerade Rinnsaal. So sauber das über die Betonsohle strömende Wasser auch sein mag - ein guter Lebensraum ist es nicht. Fische, Flusskrebse und Fliegen finden dort keine Heimat. Zwar wurden in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Bäche und Flussabschnitte renaturiert - an Ruwer, Kyll oder Leuk, in Malberg, in Schweich, in Trier. Doch gibt es nach wie vor viel zu tun. Seit 2009 mit der Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie begonnen wurde, hat sich der ökologische Zustand der rheinland-pfälzischen Fließgewässer nur wenig verändert: Damals waren 26,8 Prozent der Bäche und Flüsse in einem guten oder sehr guten Zustand. Heute sind es 29,2 Prozent. "Es ist nicht gelungen, die Lage substanziell zu verbessern", kritisiert Heinz Schlapkohl, Leiter des Arbeitskreises Wasser beim Umweltschutzbund BUND. Insbesondere sei nicht genug getan worden, um die Fließgewässer für Fische durchgängig zu machen. Dabei haben laut Joachim Gerke, Leiter der Abteilung für Wasserwirtschaft bei der Wasserbehörde SGD Nord, Land und Kommunen alleine in der Region Trier jährlich 30 bis 35 Millionen Euro in den Wasserschutz investiert. Das Ziel, dass sich alle EU-Gewässer 2015 in einem guten Zustand befinden, wurde weit verfehlt. Nun soll es spätestens 2027 erreicht werden. Jedoch: "Bis dahin wird das Problem noch nicht gelöst sein", prophezeit Diplom-Geograf Frank Hömme, der sich nicht nur als Nabu-Mitglied, sondern auch als Planer zahlreicher Renaturierungen intensiv mit dem Thema befasst. Wie Schlapkohl ist er der Ansicht, dass das Land ein ambitioniertes Programm hat: Bis 2021 sollen landesweit 470 Millionen Euro (davon 345 Millionen Euro Landesgeld) in verschiedenste Wasserschutzmaßnahmen fließen:Durchlässigkeit: Damit Fische ungehindert von der Mündung eines Flusses bis zu geeigneten Laichgründen im Oberlauf schwimmen können, müssen viele Hindernisse weichen. "Das Problem kann man nicht in wenigen Jahren lösen", sagt Gerke. Um das Geld nicht per Gießkanne übers Land auszuschütten, werden gezielt Schwerpunktgewässer gefördert. Eines davon ist die Kyll. Neun der 24 Wasserkraftanlagen wurden in den vergangenen Jahren umgebaut. Von 2015 an sollen sieben weitere folgen. Auch am Spanger und Welschbilliger Bach, am Alfbach, Neidenbach, Föhrenbach, Fellerbach oder der Lieser ist einiges geplant, um den Fischen das Wandern zu ermöglichen.Bis wieder Lachse die Nebenflüsse der Mosel heraufschwimmen, werden dennoch Jahrzehnte vergehen. Denn der Umbau der Moselstaustufen ist nicht nur sehr teuer - laut Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Trier 100 Millionen Euro -, er wird auch mindestens 40 Jahre dauern. Es wird also 2055 und nicht 2027, bis die Mosel den gewünschten Zustand erreicht. Das rheinland-pfälzische Umweltministerium will das nicht kommentieren. Fakt sei, dass auch das Bundesverkehrsministerium 2027 als Zieldatum ansetze. Welche Folgen die mindestens 28-jährige Verspätung hat, ist offen. Die Androhung einer Strafzahlung existiert laut Ministerium derzeit nicht. Erst eine von zehn Fischtreppen ist fertig: Bei Koblenz können Besucher seit Ende 2011 im Mosellum durch Glasscheiben beobachten, wie Fische flussaufwärts ziehen. Mehr als zwei Dutzend Arten wurden dort registriert. Der erste Lachs passierte die Stufe Anfang 2012. Zwar verfügen die übrigen Wehre auch über Fischtreppen, doch funktionieren die nicht richtig. "Früher wusste man nicht, wie man die Fische geschickt nach oben kriegt", sagt Eleonore Bernarding vom WSA. Da darüber immer noch zu wenig bekannt sei, soll etwa bei Lehmen an der Mosel sechs Jahre lang nur geforscht werden, ehe die dritte Treppe folgt. Die Pläne für Lehmen seien längst fertig. Doch ziehen sich die Verhandlungen mit dem Kraftwerksbetreiber RWE laut Bernarding so in die Länge, dass der ganze Zeitplan ins Trudeln gerät. Die Lachse brauchen also Geduld, bis sie jenseits von Lehmen in den Elzbach schwimmen können, wo sie im Schatten der bekannten Burg früher laichten.Renaturierung: Dort, wo Beton, Rohre oder steile Böschungen stören, sollen Bäche wieder Platz und Tiere wieder Lebensraum finden. Renaturierungen sind unter anderem geplant an Wadrill, Leuk, Ruwer, Kyll, Spanger Bach, Föhrenbach, der unteren Lieser, Alf, Östelbach oder Elzbach.Weniger Nährstoffe: Wo besonders viele Nitrate oder Phosphate ins Wasser gelangen, wachsen so viele Algen, dass ein Biotop im schlimmsten Fall "umkippen" kann. Um das zu verhindern, sollen einzelne Kläranlagen mit einer besseren Phosphateliminierung nachgerüstet werden. Ein anderes Hilfsmittel sind Gewässerrandstreifen. Diese verhindern, dass von benachbarten Äckern gedüngte Bodenpartikel eingeschwemmt werden. Das Land setzt auf Freiwilligkeit, statt die Streifen überall zur Pflicht zu machen. Denn benötigt werden sie nach Auskunft Gerkes bloß auf sieben Prozent der Gesamtlänge rheinland-pfälzischer Gewässer. "Wir wollen kooperative Lösungen mit den betroffenen Landwirten finden", sagt Gerke und ist zuversichtlich, dass das gelingt. Eine Ansicht, die Michael Horper, Vizepräsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, teilt. "Sauberes Wasser ist auch für die Landwirtschaft entscheidend", sagt Horper. Die Gespräche laufen noch. Randstreifen sind unter anderem an Sauer, Prüm, Enz, Nims, Ruwer oder Lieser geplant.Landwirte spielen auch eine zentrale Rolle, wenn es um sauberes Grundwasser geht. 42 der 117 Grundwasserkörper in Rheinland-Pfalz sind in einem schlechten chemischen Zustand. Betroffen sind ein Viertel der Landesfläche und die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Die Lösung liegt zum einen in der gezielten Beratung von Landwirten. Zum anderen wurde in der Region Trier ein Modell so erfolgreich getestet, dass es laut Gerke nun landesweit zum Einsatz kommt: Wasserwerke vereinbaren mit Landwirten, dass sie weniger Dünger und Pestizide ausbringen, und gleichen die Ertragseinbußen aus. Zur Hälfte können die Werke das mit dem Wassercent verrechnen. Zudem erhalten sie eine Landesförderung. In Wittlich und am Fersch-weiler Plateau, wo das Grundwasser stark nitratbelastet war, hat das laut Gerke zu deutlichen Verbesserungen geführt.Bürgerbeteiligung: Die Wasserbehörde will ihre Pläne bald offenlegen, Bürger können sich aus erster Hand informieren: Was an Ruwer, Dhron, Obermosel und Sauer geplant ist, wird am 24. März ab 17 Uhr im kurfürstlichen Palais in Trier vorgestellt. Die Einzugsgebiete von Sauer und Prüm sind am 7. Mai im Prümer Konvikt Thema. Was rings um Kyll, Salm und Lieser passiert, erörtern die Planer am 28. Mai in der Wittlicher Synagoge. Extra

Sieht man vom Maifeld (einer Gegend südlich von Mayen ab), ist der chemische Zustand der Oberflächengewässer in Rheinland-Pfalz flächendeckend gut. Das kann sich allerdings schlagartig ändern, sobald neue Mikroschadstoffe bei den Analysen berücksichtigt werden. Dazu zählen perfluorierte Tenside, wie sie rings um die Flugplätze Spangdahlem und Bitburg in Bächen, Flüssen und im Grundwasser zu finden sind, ebenso wie Arzneimittelrückstände oder Dioxin. Wasserwirtschaftsexperten rechnen damit, dass der Kampf gegen diese Schadstoffe in der Zukunft eine große Rolle spielen wird. Bis Ende 2015 will die EU eine Gesamtstrategie für Arzneimittel in Gewässern entwickeln. kah Extra

Schleusen und Treppen: Ähnlich wie beim Ausbau der zehn Moselschleusen (Zeltingen und Fankel sind fertig, Trier im Bau), ist der Bau von Fischtreppen ein Riesenprojekt. Warum aber wird beides nicht parallel in einem Arbeitsgang erledigt? Der Grund: Nach Auskunft des Wasser- und Schifffahrtsamtes entstehen die Treppen nicht auf jener Moselseite, wo die Schleuse liegt, sondern gegenüber am Wasserkraftwerk. Unmittelbar unter dem Kraftwerk wird Wasser eingeleitet, um einen Lockstrom zu erzeugen, der den Fischen zeigt, wo sie hinmüssen. Auch diese Strömung lässt sich mit Hilfe einer Turbine in Energie verwandeln. kah

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