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Trierer Experte: Italien ist der nächste Krisenherd

Trierer Experte: Italien ist der nächste Krisenherd

Die Beschlüsse des Brüsseler Euro-Gipfels sind nach Ansicht des Trierer Finanzwissenschaftlers Ludwig von Auer ein Erfolg. Mit dem Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Trier sprach unser Redakteur Bernd Wientjes.

Herr von Auer, wie bewerten Sie die Beschlüsse des Brüsseler Gipfels?
von Auer: Es ist erstmals gelungen, ein Bündel zu schnüren, das nicht nur das nächste Feuer vor-übergehend eindämmt, sondern auch Perspektiven für einen dauerhaften Brandschutz erkennen lässt.
Wie sieht dieser Brandschutz aus?
von Auer: Es ist das ganze Beschlusspaket. Der Schuldenschnitt für Griechenland wird einige Banken in eine finanzielle Schieflage bringen, aber für Griechenland eröffnet er die Chance, aus der Schuldenfalle herauszukommen und einen Neuanfang zu machen. Eine unmittelbare Bankenkrise ist aber wenig wahrscheinlich.
Gleichzeitig werden die Banken zu einer spürbaren Erhöhung ihrer Kernkapitalquote gezwungen. Damit können sie sich in Notzeiten viel besser aus eigener Kraft helfen. Es wird ihnen dann viel schwerer fallen, unter Hinweisen auf ihre eigene Krisenanfälligkeit die Politik unter Druck zu setzen.
Warum waren vorherige Euro-Gipfel weniger erfolgreich?
von Auer: Bislang war die Politik Getriebene einer durchaus realistischen Angst: Eine zu entschlossene Beteiligung der privaten Investoren an den Verlusten aus der Finanzkrise könnte zu einem globalen Banken- und damit Wirtschaftszusammenbruch führen. Im Angesicht dieses Horrorszenarios wurden immer wieder neue Gipfel einberufen und Beschlüsse gefasst, die immer mehr Staatsgelder - und damit Steuergelder - bereitstellten, um wenigstens für den Augenblick die Finanzmärkte von Überreaktionen abzuhalten und sich selbst Zeit zum Handeln zu verschaffen.
Hat die Politik diese Zeit genutzt?
von Auer: Der zeitliche Aufschub blieb zumindest nicht ungenutzt. In den meisten Krisenländern wurden einige nachhaltige Reformen zur Eindämmung der Staatsverschuldung auf den Weg gebracht, und der EFSF (eine Art europäische Notaufnahme für große Finanzpatienten) wurde deutlich ausgebaut.

War dies der letzte Euro-Krisengipfel?
von Auer: Leider nein. Abgesehen davon, dass viele Details noch nicht abschließend ausgehandelt worden sind, gibt es weiterhin einen sehr ernsten Krisenherd. Wenn es in Rom Ministerpräsident Berlusconi nicht gelingt, die von ihm auf dem Euro-Gipfel versprochenen Strukturreformen in Italien umzusetzen, dann werden sich die Regierungschefs schon sehr bald wiedersehen.Extra

Ludwig von Auer (45, Foto: privat) ist seit 2007 Professor für Volkswirtschaftslehre in Trier. Zuvor lehrte er von 2002 bis 2006 an der Universität Magdeburg und in Chemnitz.