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Interview
„Wir haben ein rechtsextremes Problem“

FOTO: dpa / Jan Woitas
Trier. Der Trierer Soziologe sieht den Grund für den Aufruhr in Chemnitz als ein Beispiel für die zunehmende Enthemmung vieler Bürger. Auch der Politik gibt er Schuld.

Ist der Aufruhr in der sächsischen Stadt Chemnitz der Anfang für weitere Proteste sogenannter besorgter Bürger? Darüber sprach unser Redakteur Bernd Wientjes mit dem Trierer Soziologen Martin Endreß. Er lehrt seit 2010 an der Uni Trier unter anderem politische Soziologie.

Wie kann man das, was in Chemnitz passiert ist, erklären? Ist das ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft?

Martin Endreß Es ist weder ein sächsisches noch ein ostdeutsches Problem, mit dem wir es hier zu tun haben. Auch wenn gerade das Land Sachsen seit dem Zweiten Weltkrieg überaus harte Strukturbrüche hat erleben müssen. Aber Chemnitz scheint so etwas wie ein Schmelztiegel für die aktuell politisch aufgeheizte Stimmung nicht zuletzt angesichts der hoch kontroversen Diskussion um die Flüchtlingsbewegung in Europa zu sein. Es scheinen verschiedene Probleme zusammenzukommen, die man nicht allein auf den konkreten Fall, die Tötung eines Mannes in der Nacht zum Sonntag, zurückführen kann.

Bricht sich also in Chemnitz die offenbar zunehmende Unzufriedenheit von Teilen der Bevölkerung mit der etablierten Politik Bahn?

Endreß Wir haben es deutlich mit einer fortschreitenden Enthemmung des Handelns und Redens bei einigen Bevölkerungsgruppen zu tun. Und das betrifft den politischen Bereich genauso wie Teile der Fußballszene. Was wir derzeit sehen, ist eine Polarisierung der Gesellschaft und der politischen Ideen. Es scheint sich ein Denken in einfachen Schwarz-Weiß-Schemata zu verbreiten. Das Tragische daran ist, dass politische Akteure selbst diese Prozesse bedienen und damit verstärken, wenn  insbesondere Linkspartei und AfD schlaglichtartig vereinfachte und diffuse Antworten geradezu als Parolen bemühen, mit denen sich einige Bürger leicht verführen lassen. Diese Parteien fördern damit die offensive Anti-Haltung vieler Bürger. Man ist gegen Institutionen, gegen Eliten, gegen Berlin, gegen Brüssel, und dieses Gegen erzeugt den Schein einer Gemeinsamkeit, eines politischen Einverständnisses, den Schein einer gemeinsamen politischen Agenda.

Erklärt das, warum Menschen aus der sogenannten bürgerlichen Mitte, die also bisher zumindest offenkundig nichts mit extremen Positionen am Hut hatten,  dann etwa mit Rechtsextremen gemeinsam auf die Straße gehen?

Endreß Die sogenannten besorgten Bürger gibt es heute vielerorts, nicht nur in Sachsen oder in Ostdeutschland. Festzustellen ist aber, dass vor allem in weiten Teilen der ostdeutschen Bevölkerung ein Ungerechtigkeitsgefühl, ein Gefühl des Abgehängt-Seins und des Nicht-Ernst-Genommen-Werdens vorherrscht. Wenn in solche Lücken mit relativ einfachen und vermeintlich erklärenden Thesen gestoßen wird, werden nicht nur schlichte Polarisierungen des Denkens gefördert, sondern es kann auch zu einer Radikalisierung im Handeln kommen.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei der Radikalisierung von besorgten Bürgern?

Endreß Über bestimmte Medien, wie etwa Facebook oder Twitter, erfolgt in erster Linie die Mobilisierung, wie man in Chemnitz gesehen hat. Das ist die Kehrseite auch der Verbreitung digitaler Plattformen. Hinzukommt aber auch, dass Teile der Presse durch eine zuspitzende Rhetorik sowie durch eine nahezu ausschließliche Konzentration auf Katastrophen und Krisen Befindlichkeiten und Vorurteile bedienen und so zum Anheizen von sich radikalisierenden Stimmungen beitragen.

Ist Chemnitz der Anfang einer um sich greifenden Unzufriedenheit, die viele Bürger auf die Straße treibt?

Endreß Ich bin zurückhaltend mit Verallgemeinerungen und Prognosen. Erkennbar ist aber eine veränderte Darstellung der eigenen Befindlichkeiten von selbsternannten besorgten Bürgern über die Wutbürger bis hin zur Vergemeinschaftung in bestimmten Fußballfanszenen. Viele aus diesen Kreisen sehen in den etablierten politischen Parteien nicht mehr die Organe, die ihre Interessen wahrnehmen, die sie anhören und eine Sprache sprechen, die sozusagen auf der Straße verstanden würde. Das sind Entfremdungseffekte. Da müssen bei allen, die sich um die politische Kultur unseres Landes sorgen, die Alarmlampen angehen.

Das heißt konkret?

Endreß Es ist bestürzend, dass die Mehrheit der politischen Parteien nicht in der Lage ist, sich gemeinsam zum Beispiel gegen die rechtsextremen Ausschläge in den Äußerungen  der AfD zu stellen. Stattdessen kopieren sie deren Argumentationen durch vergleichbare vereinfachende und auf schlichte Oppositionen zugespitzte Äußerungen. Das ist ein absolutes Armutszeugnis. Parteien, die meinen,  die gesellschaftliche Mitte zu repräsentieren, müssen wissen, wann es wichtig ist, parteipolitische Differenzen zu artikulieren und wann es um das gesellschaftliche Ganze, also um Kernelemente des gesamtgesellschaftlichen Miteinanders geht, das jede parteipolitische Vereinnahmung verbietet und gemeinsames Auftreten verlangt.

Hat Deutschland ein rechtsextremes Problem?

Endreß Ja, das haben wir wohl offenkundig. Im Westen wie im Osten.

Das Gespräch führte
Bernd Wientjes