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Turbulente Finanzmärkte machen den Stiftungen das Leben schwer

Turbulente Finanzmärkte machen den Stiftungen das Leben schwer

Die Entwicklung auf den Finanzmärkten bedeutet nicht nur für Privatanleger eine Achterbahnfahrt. Die geringen Zinsen für Geldanlagen bescheren auch einigen Stiftungen ein Minus.

Trier. Ein Unfall hat ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt: Vor drei Jahren verunglückte die Frau beim Inliner-Fahren schwer, sie musste ins künstliche Koma versetzt werden, wochenlang rang sie mit dem Tod. Seither ist die Mutter eines elfjährigen Jungen schwerbehindert, kann nicht arbeiten. Ihr Sohn lebt derzeit bei seinem Vater, von dem sie sich vor fünf Jahren getrennt hat. Der Junge will aber zurück zu seiner Mutter, dauerhaft bei ihr wohnen.
Daher hat die Frau sich eine geeignete Wohnung für die beiden gemietet. Der Umzug dahin und die notwendigen Renovierungsarbeiten haben sie finanziell an ihre Grenzen gebracht, das Geld dafür musste sie sich von einer Freundin leihen. Doch sie kann die fast 3000 Euro nicht zurückzahlen. Von den 940 Euro Rente, die sie pro Monat erhält, muss sie 500 Euro Miete zahlen, rund 250 Euro gehen für notwendige Versicherungen drauf. Nun soll ihr die Stiftung Menschen in Not helfen. Bekannte der Frau haben einen Zuschuss beantragt, damit sie die Schulden für Umzug, Renovierung und Makler bezahlen kann.
Ein Hilferuf, wie er fast täglich an die im Jahr 2004 vom Bistum Trier und dem Caritasverband gegründete Stiftung gerichtet wird. Doch womöglich muss Stiftungsgeschäftsführer Winfried Görgen die in diesem Fall so notwendige Unterstützung ablehnen. Das Geld der Stiftung, die 28 private Stiftungen treuhänderisch verwaltet, ist für dieses Jahr aufgebraucht.
Geld für 2011 ist aufgebraucht


"Was sollen wir tun? Sollen wir den Menschen einfach sagen, dass wir nicht mehr Geld haben?" fragt Görgen verzweifelt. Nun setzt er drauf, dass sich Spender finden, die Menschen in Not unterstützen und sich um einzelne Notfälle kümmern. Zumeist handelt es sich dabei um Familien, Kinder, alte Menschen in konkreten akuten Notlagen. Die Stiftung hat in diesem Jahr rund 100 solcher Fälle geholfen. "Wir haben es damit ermöglicht, dass Menschen wieder den Mut finden, ihr Leben selbst zu meistern", sagt Görgen, der nach eigenen Worten, auf "Betteltour" ist.
Das von ihm verwaltete Kapital aller Stiftungen sei bei Geldinstituten in der Region angelegt, "völlig konservativ", wie er sagt. Also nicht in hochriskanten Wertpapieranlagen, die mitunter deutlich höhere Rendite versprechen als kurzfristige Anlagen. Dafür sind die Verluste solcher riskanter Geschäfte deutlich höher als bei kurzfristigen Anlageformen, bei denen die Zinsen auf bestimmte Zeit festgelegt sind.
Einige Stiftungen haben ihr Kapital in verschiedenen Anlageformen gestreut. Wie zum Beispiel die Trierer Nikolaus-Koch-Stiftung. Sie fördert unter anderem Berufsausbildung, Schulen, Waisenhäuser und Behinderte. Zwar spüre man die geringe Verzinsung an den Kapitalmärkten, doch weil das Stiftungskapital unterschiedlich angelegt sei, "können wir auch zurzeit ohne gravierende Einschnitte weitere Projekte fördern", sagt Stiftungsgeschäftsführerin Ulrike Dickel.
Auch die Trierer Antonia-Ruut-Stiftung, die Krebskranke, Katastrophenopfer, hilfsbedürftige Kinder und junge Straffällige unterstützt, kann ihren Stiftungszweck in diesem Jahr noch voll erfüllen. Man habe das Kapital langfristig angelegt, erklärt Geschäftsführer Peter Mischo. Es könne aber sein, dass nach dem die vereinbarten Laufzeiten abgelaufen sind, das Geld zu schlechteren Konditionen angelegt werden müsse und dann die Erträge schrumpfen könnten. Auch die Stiftung Stadt Wittlich sieht der derzeitigen Entwicklung gelassen entgegen, man rechne trotz allem mit positiven Anlageergebnissen, sagt Stiftungssprecherin Simone Röhr. Vertraglich sei für kommendes Jahr eine Ausschüttung von 3,5 Prozent zugesagt worden.
Ganz anders sieht es bei der Stiftung Bürgerhospital Bitburg aus. Sie unterstützt arme und alte Menschen. Weil die Sanierung der 72 der Stiftung gehörenden Wohnungen mehr als die Hälfte des Kapitals verschlungen hat, muss die vor 700 Jahren gegründete Stiftung Wohnungen verkaufen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.
Für jede einzelne Stiftung und jeden Stiftungsvorstand sei ein Verlust stets schmerzhaft, heißt es in einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen aus dem Jahr 2009. Und weiter: "Gleichzeitig müssen auch die Aufsichtsgremien einer Stiftung verstehen, dass gute Erträge in guten Jahren fast zwingend einhergehen müssen mit Ertragseinbußen und Verlusten in Zeiten einer allgemein schlechten Marktentwicklung." Die aktuelle Entwicklung in Wirtschaft und Finanzwesen lasse auch die rund 10 000 deutschen Stiftungen nicht unberührt, sagt Verbandssprecherin Katrin Kowark. "Gleichwohl sind Stiftungen in schwierigen Zeiten nach wie vor eine Säule der Stabilität."Extra

Der Begriff der Stiftung ist im Gesetz nicht definiert. Er dient als Bezeichnung für eine Mehrzahl von Rechtsformen, wie beispielsweise der Stiftung bürgerlichen Rechts oder dem Stiftungsverein. Die Bezeichnung Stiftung ist daher, nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, nur ein Oberbegriff für verschiedene Stiftungsformen. Welche Zwecke eine Stiftung verfolgt und wie die Organisation aussieht, lege der Stifter nach seinem Willen in der Satzung fest. Schon ab 10 000 Euro besteht die Möglichkeit, eine rechtlich unselbstständige Stiftung unter der Dachstiftung wie etwa der Stiftung Menschen in Not zu gründen. Die Dachstiftung übernimmt treuhänderisch die Verwaltung der Stiftung. Ab 50 000 Euro ist es möglich, eine rechtlich selbstständige Stiftung ins Leben zu rufen. Der Stiftungszweck darf nur aus den Erträgen - aus sicheren Anlagen - und nicht aus dem Kapital erfüllt werden. wieExtra

Im ehemaligen Regierungsbezirk Trier gibt es laut der Trierer Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) 108 öffentliche, private und kirchliche Stiftungen. Die ADD ist landesweit für die Aufsicht der Stiftungen zuständig. Die Stiftungen teilen sich wie folgt auf: Trier-Saarburg: 14 Vulkaneifel: 6 Bitburg-Prüm: 18 Bernkastel-Wittlich: 19 Trier: 51 Seit vergangenem Jahr kamen sechs neue Stiftungen hinzu: Trier: 3 Trier-Saarburg: 2 Bitburg-Prüm: 1 Trier liegt bundesweit auf Platz 20 bezüglich der Zahl von Stiftungen in einer Großstadt. wie