Tut mir Leid, ähh: leid

Das ist ja Klasse, ähh: klasse: Die Reform der Reform der Reform der Rechtschreibung steht bevor, ganz Deutschland steht Kopf. Oder heißt es: kopf? Tut mir Leid, ähh: leid. Das muss ich richtig stellen, pardon: richtigstellen.

Von diesem Machwerk biederster Krähwinkelei wird nicht viel übrig bleiben, mhh: übrigbleiben. Wer hat denn nun Recht, urrgh: recht, wenn es ums Schreiben geht? Die regulierungswütigen Hüter der Sprache jedenfalls, die sich 20 Jahre lang in das Projekt verbissen haben wie ein Pitbull in sein wehrloses Opfer, sind da angelangt, wo genervte Deutschschreiber sie längst hinwünschen: jenseits von gut und böse, von mir aus auch: jenseits von Gut und Böse! Ihr Versuch, die Schriftsprache zu versklaven, ist grandios gescheitert. Über Jahrhunderte gewachsene Eigenheiten sägten sie ab wie verdorrte Äste. Alles sollte einfacher, logischer, übersichtlicher werden - per ordre de mufti sozusagen. Sie zimmerten ein Reformwerk, das kein Normalmensch je gefordert hat - weil es gar keinen Bedarf für eine Erneuerung gab. Mit Widerstand rechneten sie nicht. Als er sich regte, bosselten sie weiter und weiter und weiter. Wer soll sich diesen Quatsch denn noch zu Eigen machen (demnächst wohl: zu eigen machen)? Wer kennt sich da noch aus? Was ist richtig, was ist falsch? In den Schulen: Unsicherheit, Verwirrung, Ratlosigkeit. Viele Lehrer wissen selbst nicht mehr so genau, was gilt und was nicht. Die Kinder pauken heute so und morgen schon wieder anders. Schriftsteller wie Günter Grass schreiben, wie sie wollen, einige Zeitungen sind bereits zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt, und die Bürger haben die Reform ohnehin nie gutgeheißen. Nicht einmal zehn Prozent der Deutschen sind dafür. Die meisten geben sich, ganz undeutsch, dem zivilen Ungehorsam hin und ignorieren sämtliche Verschlimmbesserungen - die pure Anarchie. Viermal ist die Reform in den vergangenen Jahren wegen gravierender Mängel überarbeitet worden - mit immer neuen widersprüchlichen Ergebnissen. Die angeblich vielversprechende Reform entpuppte sich als viel versprechend. Mit großem Gebraus gestartet, zerfällt sie nun wie ein Vampir beim ersten Sonnenstrahl. Die Reform-Schreibe - seit vergangenem August in den meisten Bundesländern verbindlich - soll erneut "optimiert" werden. Der Rat für deutsche Rechtschreibung schlägt den Teil-Rückbau des umstrittenen Regelwerks vor; die Kultusminister werden sich voraussichtlich anschließen. Es gilt die Erkenntnis von Bert Brecht: Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war. Will sagen: Zurück in die Zukunft heißt zurück zur alten Rechtschreibung. P.S.: Die letzte große Schreibreform im Jahr 1901 erging recht zügig - per Konferenzbeschluss, innerhalb von drei Tagen. p.reinhart@volksfreund.de