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TV-Serie Teil 4: Wahlzentralen und ihre Macher. Die SPD hat einen "Mobilisierungsplaner".

Berlin. Diesen Wahlkampf geht die SPD systematisch an. "Person, Programm und Performance müssen übereinstimmen", sagt Juliane Seifert. Werner Kolhoff

Die 39-Jährige ist Bundesgeschäftsführerin und neben Generalsekretär Hubertus Heil Chefin der "Kampa" genannten Wahlkampfzentrale im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Zwei Etagen, sehr modern eingerichtet. Rund 100 Leute arbeiten hier, überall gibt es kleine Beratungsinseln für Teams, die sich kurzfristig bilden können. Und überall Martin Schulz. Als Foto im Warhol-Stil, als Pappkamerad, als Plakat: "Jetzt ist Schulz!"

Seiferts Satz ist durchaus eine Anspielung auf den jüngsten Wahlkampf mit Peer Steinbrück, der ein Programm vorfand, das nicht zu ihm passte. Und dann hakte auch die Performance. An diesen Problemen leidet die Schulz-Kampagne nicht. Schon der erste Auftritt des frischgebackenen Kandidaten Ende Januar war eine vorbereitete Inszenierung. Viel Parteivolk um ihn herum, eine Atmosphäre wie in einer Bürgerversammlung. Der Parteitag im Juni in Dortmund, 6000 Teilnehmer, verlief ähnlich. Und so will Schulz den Wählern auch in der Schlussphase kommen, "sehr nah", wie es heißt. Mitte August beginnt die "Kandidaten-Tour" durch viele Städte. In der "Kampa" wird sie derzeit geplant - hinter den Mitarbeitern eine Deutschlandkarte mit vielen Stecknadeln.
Natürlich wird es in der Schlussphase auch Großplakate geben - und Fernsehspots. Immer mit Martin Schulz, immer mit dem Slogan "Zeit für mehr Gerechtigkeit", der auf einem satten roten Quadrat steht. Die Hamburger Agentur KNSK zeichnet dafür verantwortlich, sie hat schon den Europawahlkampf mit Schulz gemacht. 24 Millionen Euro lässt sich die SPD den Bundestagswahlkampf kosten. Das ist ungefähr so viel wie 2013 und entspricht etwa dem Wahlkampfetat von CDU und CSU zusammen.

Im Zentrum steht diesmal aber der Tür-zu-Tür-Wahlkampf. Die SPD versucht damit ihre große Stärke auszuspielen, nämlich dass sie eine Volkspartei mit 440 000 Mitgliedern ist. Wichtigstes Instrument: der "Mobilisierungsplaner", ein Datensatz, der Deutschland in 88 000 Quartiere von maximal rund 2000 Menschen aufteilt und genau sagt, welche soziale Struktur dort herrscht und wie bisher gewählt wurde. Bereits vor eineinhalb Jahren begann man in der Parteizentrale damit, diese öffentlich zugänglichen Daten aufzubereiten.
Die Hausbesuche sollen gezielt dort vorgenommen werden, wo das Zuwachspotenzial für die SPD am größten ist. Andere Gebiete bleiben weitgehend links liegen. Dann wird zweistufig vorgegangen. Die Parteiaktivisten fragen die Leute, welche Themen sie besonders interessieren und ob sie sich vorstellen können, SPD zu wählen. Man gibt sich mehr als Zuhörer denn als Missionar. "Diese Besuche erden uns auch", sagt Seifert. "Die bringen uns raus aus der Politikblase". Die Reaktionen der Bürger seien fast ausnahmslos positiv.
Die Antworten werden über eine App, die jeder SPD-Wahlkämpfer auf dem Handy hat, anonym gespeichert und zentral ausgewertet. Dann wird gezielt in dem betreffenden Quartier geworben; etwa mit Informationen zur Familienpolitik, wenn die dort als wichtigstes Thema genannt wurde. Es ist alles ein wenig kreativer und jünger geworden bei der SPD. Die Jusos touren zurzeit über die Open-Air-Festivals, mit großem Erfolg. "Denen wird das Material aus der Hand gerissen", sagt Seifert, die in diesem Wahlkampf eine "starke Politisierung" spürt. Wegen Brexit, Trump, AfD. "Die Leute wollen Haltung zeigen, sich engagieren". Obwohl der Schulz-Hype lange verebbt ist, seien die Mitglieder noch immer motiviert. "Wir sehen da überhaupt keinen Einbruch", sagt Seifert.