Unausgegorenes System

Im Jahr vor der Landtagswahl wollte die Mainzer Regierung offenbar noch einmal als Wohltäter auftreten. Innerhalb von sieben Monaten wurde das neue Schulbuchausleihsystem daher beschlossen, etliche Male nachgebessert und den Schulträgern zur Umsetzung aufgezwungen - ohne Testlauf und ohne konkrete Pläne, wie die Buchrückgabe und Wiederausleihe im nächsten Jahr organisiert werden soll.



Offiziell firmiert das Organisationsmonster unter dem schönen Namen "Lernmittelfreiheit". Doch außer der - von immerhin knapp der Hälfte der Eltern genutzten - Freiheit, nicht daran teilzunehmen, hält die Bezeichnung keineswegs das, was sie verspricht: Denn nur bis zu einer Jahres-Einkommensgrenze von rund 30 000 Euro brutto sind Familien mit zwei Kindern tatsächlich von den Kosten für Bücher und Arbeitshefte befreit. Alle die mehr verdienen - und das ist der weitaus größere Teil - müssen nicht nur Arbeitshefte und langfristig genutzte Bücher wie Atlanten, Wörterbücher oder Bibeln komplett selbst zahlen. Auch für alle anderen Bücher ist ein Drittel des Ladenpreises fällig - selbst, wenn ein Buch zum dritten Mal verliehen wird und entsprechende Gebrauchsspuren hat. Für ein Drittel des Neupreises kann man allerdings auch auf dem privaten Gebrauchtbüchermarkt die Schulbücher erwerben - und sich diese dann für immer ins Regal stellen, statt sie nach einem Jahr zurückgeben zu müssen.

Außerdem finanziert der Buchhandel, von dem das Land zwölf Prozent Rabatt verlangt, das neue Ausleihsystem mit keinem kleinen Beitrag mit.

Und ob die Landesregierung ihr Versprechen wahrmacht - beziehungsweise dafür überhaupt das entsprechende Geld hat - den Kommunen die hohen Kosten für den riesigen Organisations- und Verwaltungsaufwand im Nachhinein zu ersetzen, muss erst noch abgewartet werden.

Offenbar hatte die Landesregierung also zu wenig Geld - oder zu wenig politischen Willen - für eine echte Lernmittelfreiheit. Schulen, Schülern, Eltern und Schulträgern deswegen ein unausgegorenes System aufzuzwingen, geht trotzdem nicht. Auch und erst recht nicht im Jahr vor der Landtagswahl.

c.wolff@volksfreund.de

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