"... und einen Tag später sind sie tot"

"... und einen Tag später sind sie tot"

Fassungslosigkeit nach einem Familiendrama in Trier: Die Verwandten rätseln über das Motiv für die Bluttat. Am Dienstag hatte ein Rentner seine Frau erschlagen und sich danach aufgehängt.

Trier. "Warum, warum, warum?" Fassungslos steht der Mann vor dem weißen Mehrfamilienhaus in der Trierer Franz-Georg-Straße. Eine Antwort wird der 60-Jährige nicht mehr bekommen. Er ist der Bruder des Mannes, der einen Tag zuvor zunächst seine Frau mit einem Fleischerbeil brutal umgebracht und sich danach in seinem Hobbykeller erhängt hat. Vor mehr als einer Woche hat er den neun Jahre Älteren und dessen Frau zum letzten Mal gesehen - bei einer Familienfeier. Da sei alles in Ordnung gewesen, sein Bruder habe nicht den Eindruck gemacht, dass etwas nicht stimme, sagt der Mann mit zitternder Stimme. Nachts um zwei Uhr hat er von der Bluttat erfahren, ist sofort zu dem Haus gefahren, wo die Leichen des Ehepaares Anton und Irina M. vier Stunden zuvor entdeckt worden sind. Vor 18 Jahren waren Anton und seine Frau aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, mit ihren vier damals bereits erwachsenen Kindern und deren Familien. Weg aus der Armut und von einem Leben ohne Perspektive, wie es der Bruder schildert. Das Ehepaar hat es geschafft, sich eine Existenz in der neuen Heimat aufzubauen, die Kinder haben Jobs gefunden, führen ihr eigenes Leben. Anton M. hat bis zur Rente in einem Unternehmen in Trier gearbeitet, das überwiegend Ältere und Schwervermittelbare beschäftigt. Ordentliche Leute seien sie gewesen, sagt der Trierer Chef-Staatsanwalt Horst Roos. Auch er hat keine Erklärung für die unfassbare Tat. "Die waren völlig unauffällig, die Ehe war harmonisch, es gab keinen Streit." Alkohol sei auch nicht im Spiel gewesen, sagt Roos. Auch die beiden Söhne, die an dem Morgen nach der Tat zusammen mit zwei Kripo-Beamten in die Wohnung ihrer Eltern im ersten Stock des Mehrfamilienhauses gehen, haben keine Erklärung, warum es zu der Bluttat gekommen ist. Nervös und "anders" gewesen

Sein Vater sei in den vergangenen Tagen zwar etwas nervös und "anders" als sonst gewesen, sagt der 45-Jährige. Aber er habe nicht gesagt, dass ihm etwas fehle oder dass er krank sei. Vielleicht habe die Unruhe etwas mit der bevorstehenden Untersuchung im Krankenhaus in ein paar Wochen zusammengehangen, vermutet der Sohn. Dabei sollte festgestellt werden, ob eine Wucherung im Bauch womöglich ein Krebsgeschwür ist. Der Oberstaatsanwalt hält die Krebsangst des Mannes für ein mögliches Motiv für die Tat. Am Sonntag hat die gesamte Familie noch Ostern gefeiert - in der Wohnung der Eltern in Trier. An Ostermontag besuchte das Ehepaar den 45-jährigen Sohn, der in der Nähe von Trier lebt. "Und einen Tag später sind sie tot", sagt der Mann mit Tränen im Gesicht. Noch am Abend, kurz nachdem seine toten Eltern gefunden worden waren, wurde er von der Polizei angerufen und ist dann sofort nach Trier in die Wohnung gefahren. Nachdem der 69-Jährige seine Frau mit dem Fleischerbeil erschlagen hatte, ist er vermutlich geschockt davongerannt, hat die Haustür offen stehen lassen und sich dann in seinem Hobbykeller, wo er nach Auskunft seiner Söhne immer gebastelt hatte, erhängt. Am 7. April wäre der Mann 70 Jahre alt geworden. Der Saal für die Feier war bereits gebucht, die Einladungen verschickt. Zwei Monate später hätte auch seine Frau ihren runden Geburtstag gefeiert. Eine Reise nach Mallorca wollten die Kinder ihren Eltern schenken, der Flug war bereits gebucht. Extra Andere Fälle: Immer wieder sorgen Familiendramen für Entsetzen. In der Region ereigneten sich in den vergangenen Jahren mehrere solcher Taten: Juni 2007: Ein 45-Jähriger greift in Trier seine zehn Jahre jüngere Frau mit einem Messer an, sticht mehrmals auf sie ein, würgt sie. Die sechsjährige Tochter schreit vom Balkon der Wohnung um Hilfe, rettet so das Leben der Mutter. Motiv: Die Frau wollte sich von ihrem Mann trennen. Februar 2007: Eine 26-jährige Mutter ertränkt in Morbach ihren viereinhalb Monate alten Sohn in der Badewanne. Motiv: Streit mit dem Ehemann. Februar 2006: Im Eifelort Manderscheid erschlägt ein 54-Jähriger seine 47-jährige Frau. Motiv: Er fühlt sich durch die Ehefrau provoziert. November 2004: Ein 45-Jähriger aus Nittel (Trier-Saarburg) ermordet seine Ehefrau. Mögliches Motiv: Eifersucht. Juli 2003: Ein 30-jähriger Familienvater erhängt in Bleialf (Eifelkreis Bitburg-Prüm) seine beiden ein- und dreijährigen Söhne in der Garage und später sich selbst. Motiv: Beziehungsprobleme. November 2002: Ein 35-jähriger Vater aus Schönecken (Eifelkreis Bitburg-Prüm) reißt seine beiden fünf und zwei Jahren alten Söhne mit in den Tod. Zusammen mit seinen Kindern springt der Mann von der Autobahnbrücke bei Fließem 50 Meter in die Tiefe. Der Vater und der Fünfjährige sterben sofort, der Zweijährige stirbt einen Tag später im Krankenhaus. Motiv: Beziehungsprobleme. September 2002: Ein 37-Jähriger erwürgt in Trier seine zehn Jahre ältere Frau. Motiv: Eifersucht. Februar 2002: In einer Kneipe in Trier-Süd wird ein 53-Jähriger von seiner sechs Jahre jüngeren Lebensgefährtin erstochen. Motiv: Eifersucht. Mai 2001: Ein 20-Jähriger erschießt in Plütscheid (Eifelkreis Bitburg-Prüm) seinen drei Jahre jüngeren Bruder und verletzt seine Eltern schwer. Motiv: Streit. August 1997: In Bollendorf (Eifelkreis Bitburg-Prüm) ermordet ein 42-Jähriger seine Ehefrau, die sich trennen will. August 1997: Wegen Familiärer Probleme tötet in Daleiden (Eifelkreis Bitburg-Prüm) ein 35-Jähriger erst seine Frau und die beiden Kinder (5 und 8), dann sich selbst. (wie)

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