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Ungeklärte Mordfälle in der Region: Addis Mörder kam über den Balkon

Der im selben Haus wie die Getötete wohnende Klaus Kleifges zeigt, in welcher Richtung der Täter nach dem Mord an Beatrix Hemmerle geflüchtet ist. TV-Foto: Rolf Seydewitz
Der im selben Haus wie die Getötete wohnende Klaus Kleifges zeigt, in welcher Richtung der Täter nach dem Mord an Beatrix Hemmerle geflüchtet ist. TV-Foto: Rolf Seydewitz FOTO: (g_pol3 )
Trier. Vor 28 Jahren wurde Beatrix Hemmerle ermordet. Sie starb vor den Augen ihres Sohnes. Der Mörder kam und flüchtete über den Balkon der Wohnung. Die Polizei ist immer noch auf der Suche nach dem Mörder. Rolf Seydewitz

"Er ist da reingegangen, um sie zu töten." Für Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schu steht fest, dass Beatrix Hemmerle vor 28 Jahren nicht nach einem Streit ermordet wurde, der am Ende eskaliert ist. "Der Täter wollte sie töten - und zwar sofort", sagt der erfahrene Trierer Mordermittler, der vor einigen Jahren auch den Fall der vor drei Jahrzehnten getöteten Lolita Brieger geklärt hat. Kann Schu nun auch den brutalen Mord an der alleinerziehenden Mutter eines zwölfjährigen Sohnes klären? Der Junge hatte seine Mutter damals sterbend aufgefunden. Nachbarn riefen noch den Notarzt. Doch für Beatrix Hemmerle kam jede Hilfe zu spät. Die 32-Jährige verblutete im Flur ihrer Wohnung.

Ein paar Stunden zuvor klingelt bei Beatrix Hemmerle das Telefon. Am anderen Ende ist ihr Verlobter, der nach der Spätschicht in der Fabrik noch kurz vorbeischauen will. Die junge Kaufhausangestellte wohnt mit ihrem Sohn im Erdgeschoss eines Appartementhauses am Weidengraben im Trierer Stadtteil Kürenz. Nur etwa hundert Meter Luftlinie entfernt liegt die Universität. Es ist eine schwül-warme Nacht im August 1989. "Addi", wie Beatrix von ihren Freunden genannt wird, hat die Balkontüre geöffnet und die Rollläden nur halb heruntergelassen. Sie ist nicht ängstlich, obwohl sie in der Vergangenheit schon ein paarmal von Spannern belästigt worden sein soll.

Um 22.40 Uhr an jenem Donnerstagabend kommt Addis Freund vorbei. Er isst noch eine Kleinigkeit, sie reden miteinander. Das Paar hat Hochzeitspläne, war erst kurze Zeit zuvor gemeinsam im Urlaub. Gegen 2 Uhr verabschiedet sich der Freund wieder, um in die eigene Wohnung zu fahren.

Wahrscheinlich ist der Mörder zu diesem Zeitpunkt schon vor Ort und beobachtet von draußen das Geschehen. Über den Balkon betritt der Unbekannte gegen 3.30 Uhr die Wohnung und sticht im Schlafzimmer auf die im Bett liegende Beatrix Hemmerle ein - "mit absolutem Tötungswillen", sagt Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schu. Der Trierer Mordermittler ist sich auch sicher, dass der Täter sein Opfer kannte. "Und er wusste, dass der Junge da war."
Als der durch die Geräusche wach gewordene Zwölfjährige ins Schlafzimmer kommt, findet er seine Mutter blutüberströmt auf dem Bett. Mit einer Hand hält sich Beatrix Hemmerle eine Wunde am Hals zu.

Geistesgegenwärtig rennt der Junge zu den Nachbarn, klingelt und klopft an die Tür, bis ihm jemand öffnet. Während die Nachbarn den Rettungsdienst alarmieren, schleppt sich Beatrix Hemmerle noch mit letzter Kraft aus dem Schlafzimmer in den Flur, wo sie ihren schweren Schnitt- und Stichverletzungen erliegt.

Der Mörder flüchtet, wie er gekommen ist - über den Balkon der Erdgeschosswohnung. Der Unbekannte wischt sich seine blutverschmierten Hände noch an einem frisch gewaschenen T-Shirt des Jungen ab, das zum Trocknen auf dem Balkon hängt.

Das T-Shirt finden die Ermittler später abseits des Fußwegs zwischen Weidengraben und Kohlenstraße, die Jacke entdecken sie auf einem Parkplatz. Vom Täter aber fehlt jede Spur. Die Obduktion ergibt, dass Beatrix Hemmerle wahrscheinlich mit einem sogenannten Überlebensmesser getötet wurde, bei dem die Rückseite der Schneide ausgefräst ist. Die Tatwaffe wird nie gefunden.

Beatrix Hemmerles Verlobter, den die Ermittler seinerzeit natürlich überprüfen, wird "eindeutig entlastet", wie es der damalige Chef der Mordkommission, Bernd Michels, in einem Beitrag für die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" formuliert. Am nächsten Mittwoch, 14. Juni, berichtet Aktenzeichen erneut über das Aufsehen erregende und auch nach 28 Jahren immer noch nicht gelöste Gewaltverbrechen.

Dabei geht es auch um die öffentlich bislang unbekannte Suche der Trierer Mordermittler nach einem unbekannten Mann, der in den 80er Jahren als Aushilfe in einer Trierer Pizzeria gearbeitet haben und das Opfer möglicherweise gekannt haben soll.

Nachtrag: Beatrix Hemmerle wurde damals in ihrem Geburtsort Bingerbrück beerdigt. Ihr damals zwölfjähriger Sohn wuchs bei Pflegeeltern auf und steht nach Angaben von Ermittler Wolfgang Schu heute "mit beiden Beinen im Leben".Extra: BELOHNUNG FÜR HINWEISGEBER

Für Hinweise zum Gewaltverbrechen an Beatrix Hemmerle hat die Trierer Kriminalpolizei ein Telefon (0651/9779-2480) geschaltet. Vertrauliche Hinweise können auch unter Telefon 0152-28854968 und per E-Mail unter kdtrier.hinweisaufnahme@polizei.rlp.de gegeben werden. Führen sie zur Aufklärung des Verbrechens, gibt es eine Belohnung von 5000 Euro. Die Ermittler interessieren sich unter anderem für Hinweise zu dem unbekannten Mann, der Ende der 80er Jahre als Tellerwäscher oder Helfer in einer Pizzeria in der Trierer Innenstadt gearbeitet haben soll. Bekannt ist nur, dass der Mann Ausländer war. Auch die in der Nähe des Tatorts gefundene dunkle Lederjacke der Größe 48/50 könnte dem Täter gehört haben. Die Jacke aus Nappaleder mit auffälligen Taschen wurde wahrscheinlich in Korea hergestellt und in Deutschland nur 60 Mal verkauft. In Trier war sie nicht erhältlich.

Die Originalluftaufnahme der Polizei aus dem August 1989 zeigt den Tatort in Trier-Tarforst (1), die Fundstellen von Lederjacke (2) und T-Shirt (3). Im oberen Teil des Fotos ist die Universität zu sehen, wo noch gebaut wird. Foto: Polizei
Die Originalluftaufnahme der Polizei aus dem August 1989 zeigt den Tatort in Trier-Tarforst (1), die Fundstellen von Lederjacke (2) und T-Shirt (3). Im oberen Teil des Fotos ist die Universität zu sehen, wo noch gebaut wird. Foto: Polizei FOTO: (g_pol3 )
Ermittler haben die Eingangstür zur Wohnung versiegelt.
Ermittler haben die Eingangstür zur Wohnung versiegelt. FOTO: (g_pol3 )
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Wolfgang Schu zeigt die in der Nähe des Tatorts gefundene Lederjacke.
Wolfgang Schu zeigt die in der Nähe des Tatorts gefundene Lederjacke. FOTO: (g_pol3 )