...ungewiss

Berlin. Das gab es noch nie: Eine Partei wird abgewählt – und freut sich trotzdem wie ein Schneekönig. Als die ersten Hochrechnungen am Sonntag über die Bildschirme flimmern, geht ein Raunen durch die Menge im proppevollen Willy-Brandt-Haus.

Die Genossen von der SPD trauen ihren Augen und Ohren nicht: "Wahnsinn", sagt Stefan Grönebaum vom Parteiblatt "Vorwärts", "wir waren noch vor vier Wochen fast tot, jetzt leben wir wieder". Tatsächlich hat die SPD, gemessen an der Ausgangssituation, erstaunlich gut abgeschnitten. Was aber für Jubel sorgt in der Parteizentrale, ist das Ergebnis der Union. Dass CDU und CSU so abschmieren würden, hatte zuvor keiner für möglich gehalten. "Merkel in die Produktion!", schreit einer im Übermut der Gefühle. Andere heben das Glas und prosten sich zu. Sie wissen, dass Gerhard Schröder wohl die Kanzlerschaft verloren hat, aber als sich die Hochrechnungen verfestigen, beginnen einige zu spekulieren: "Ob Schröder 'ne Ampel macht?" "Nein, es gibt eine Große Koalition!" "Und mit wem als Kanzler?" fragt ein Dritter. Schulterzucken. Der Amtsträger sitzt derweil im fünften Stock mit Ehefrau Doris und ein paar Präsidiumsmitgliedern zusammen und analysiert die Lage. Plötzlich scheint alles wieder offen. Schnell suchen Schröder und SPD-Chef Franz Müntefering nach einer Sprachregelung, die der Vorsitzende um 18.30 Uhr vor "Münte-Münte"-skandierenden Parteifreunden bekannt gibt. Etwas verquast sagt er, "Das Land wird Gerhard Schröder als Bundeskanzler haben". Das Ergebnis sei eine "persönliche Niederlage von Frau Merkel". Er spricht davon, dass die SPD "die stärkste Partei" sei, offenbar rechnet er ein, dass CDU und CSU sich gern als unabhängige Parteien bezeichnen. Es werde an diesem Montag Gespräche über mögliche Koalitionen geben, "aber nicht mit der PDS/ML".Genau das betont auch Kanzler Schröder, als er um 19.25 Uhr vor die Genossen tritt. Riesenjubel brandet auf, Schröder strahlt, als habe er die absolute Mehrheit gewonnen, und macht die Siegerpose. Keine Frage, Gerhard Schröder ist spätestens nun ein Held der Sozialdemokraten. "Wir haben etwas erreicht, was viele professionelle Beobachter vor Wochen und Tagen noch für völlig unmöglich gehalten haben", ruft er in den Saal. Er sei "stolz auf die Menschen in diesem Land" und darauf, "dass Medienmacht und Medienmanipulation das demokratische Bewusstsein nicht erschüttern" könnten. Ein Seitenhieb vor allem auf die "Bild"-Zeitung, die sich im Wahlkampf auf Seiten der Union geschlagen hat. Als Schröder auf das "Scheitern" derjenigen zu sprechen kommt, "die den Wechsel des Bundeskanzlers erreichen wollten", kennt der Jubel keine Grenzen. Dabei geht unter, dass er voreilig darauf hinweist, die Union könne deshalb "keinen Führungsanspruch ableiten". Vielmehr fühle er sich bestätigt, "dass es auch künftig eine stabile Regierung unter meiner Führung geben wird". Schröder stellt klar: "Mit der PDS und Lafontaine werden wir nicht reden." Welche Koalition ihm vorschwebt, bleibt offen.