Unter Freunden?

Mit dem ersten Fuß, den US-Präsident George W. Bush auf europäischen Boden setzt, wird gebetsmühlenartig von Gastgebern und Gast eine offizielle Aussage abgespult: Mit den gemeinsamen Beziehungen gehe es wieder bergauf, die Differenzen der Vergangenheit "unter Freunden", so die beliebte Formel, seien so gut wie beigelegt, die transatlantischen Beziehungen gut.

Doch da die Bürger mittlerweile wissen, dass die politische Kaste besonderen Wohlgefallen darin findet, das eigene Handeln und die daraus resultierenden Konsequenzen schön zu reden, ist eine gehörige Portion Skepsis angebracht. Und ein kritischer Blick auf den tatsächlichen Zustand vor allem des deutsch-amerikanischen Verhältnisses, das man in Mainz so aufwändig und mit überzogen anmutenden, weite Teile der Region lähmenden Sicherheitsvorkehrungen (die vom Umfang her bei einer Präsidentschaftsvisite in jeder US-Großstadt undenkbar wären) zu zelebrieren gedenkt. Realität ist jedenfalls: Gerhard Schröder und George W. Bush werden, ungeachtet der zu erwartenden Protokoll verordneten Artigkeiten, nie wieder Freunde werden. Das beim letzten Schröder-Besuch in Washington zu Papier gebrachte Thesenpapier zur Bedeutung des Miteinanders diente vor allem der kosmetischen Übertünchung weiter bestehender tiefer Risse, die nun erneut in wichtigen außenpolitischen Fragen zutage treten. Weder beim Vorgehen gegen einen notorisch unglaubwürdigen Iran, der aufgrund seines Ölreichtums eine zivile Nutzung der Kernenergie so wenig braucht wie ein mehrfacher Milliardär einen Lottogewinn, noch beim Waffenembargo gegen die Menschenrechtsverletzer in China oder der Frage eines wirklich spürbaren Hilfsprogramms Berlins für den Irak liegen die Verbündeten auf einer Linie. Hinzu gesellt sich Schröders Totengräber-Arbeit an der Nato, die trotz wortreicher Beschwichtigungsversuche aus dem Kanzleramt in Washington für höchste Irritation gesorgt hat. Die eilends nachgeschobene Erklärung der Bundesregierung, es sei doch um eine Aufwertung der beiderseitigen Beziehungen gegangen, überzeugt dort als Versuch der Schadensbegrenzung nicht. Im Weißen Haus nimmt man derzeit deutlich wahr, dass es Schröder wohl auch mit Hinblick auf 2006 weiter beliebt, sich an der US-Außenpolitik mit dem erwünschten Effekt zu reiben, dass das Feindbild Bush beizeiten erneut in den Vordergrund gerückt wird und damit innenpolitische Problemfelder überdeckt werden. Fünf Stunden wollen Schröder und Bush am Mittwoch in Mainz beisammen sein und den Fotografen Bilder von perfekt inszenierter Harmonie bieten. Doch von jener "Partnerschaft in einer Führungsrolle", die George W. Bushs Vater 1989 bei einer viel beachteten Rede in Mainz wenige Monate vor dem durch die Demokratisierungswelle im Ostblock begünstigten Mauerfall den Deutschen anbot, sind beide Länder heute weit entfernt. Zu unterschiedlich sind die politischen Zielvorstellungen der beiden Regierungschefs, als dass hier wirkliche Deckungsgleichheit in dominierenden Fragen zu erzielen wäre. nachrichten.red@volksfreund.de