Untergang des Abendlandes

Die Kids haben es wirklich nicht leicht heutzutage. Unsereins musste vor 30 Jahren nur die Haare über Kragenhöhe wachsen lassen, und schon herrschte bei den Eltern der Ausnahmezustand. Heute, wo man (fast) alles darf, muss man sich schon Löcher in alle (un)möglichen Körperteile bohren, um Mama und Papa aus der Ruhe zu bringen, in der Clique zu glänzen und sich selbst zu beweisen, dass man ein Kerl ist - oder das weibliche Pendant dazu, wie immer es heißt. Die langen Haare haben sich damals selbst durch die Drohung mit dem Untergang des Abendlandes nicht verhindern lassen, und das wird beim Piercing nicht anders sein. Im Gegenteil: Je größer das Gezeter, um so reizvoller ist es, das scheinbar Verwerfliche auszuprobieren. So funktionieren nun mal Jugendkulturen. Für Eltern gilt also: Ruhe bewahren und durch cleveres Taktieren Schlimmeres verhüten. Will heißen: eine Augenbraue oder einen Nasenflügel genehmigen, wenn sich damit der Bauchnabel, die Nasenscheidewand oder gar noch Heftigeres vermeiden lässt. Was keinen größeren Schaden anrichtet und später wieder rückstandsfrei entfernt werden kann, sollte erlaubt sein, auch wenn es dem ästhetischen Empfinden der Eltern widerspricht. Alles andere dürfen nur Volljährige für sich selbst entscheiden. Ein Tattoo, das einen Körperteil bis ans Lebensende ziert, ein Piercing, das Vernarbungen hinterlässt: Wer 16-Jährige darüber in Eigenregie befinden lässt, handelt unverantwortlich. Da muss der Gesetzgeber den Eltern helfen, durch klare Richtlinien statt schwammiger Aussagen. Auch für die seriösen Piercer wäre ein sauberer Trennstrich hilfreich. Ansonsten sollte man die Kirche im Dorf lassen. Und schon jetzt mit leiser Schadenfreude an den Moment denken, wo die Kids von heute dermaleinst ihrem Nachwuchs die alten Foto-Alben zeigen müssen, mit diesen komischen Nasenringen und Nabel-Stäbchen. Das wird mindestens so peinlich wie die Haartracht auf den Mannschaftsfotos der deutschen WM-Elf von 1974. d.lintz@volksfreund.de