Väter sind besser als ihr Ruf

Väter sind besser als ihr Ruf

TRIER. Kindererziehung ist Frauensache, die Väter sind zum Geldverdienen da: Ein Irrglaube, der immer noch in vielen Köpfen verwurzelt ist. Dabei sind Väter besser als ihr Ruf.

Paul ist einer der neuen und engagierten Väter, die trotz Vollzeit-Jobs ihre familiären Aufgaben sehr ernst nehmen. Paul versucht, seiner Rolle als Vater von drei heranwachsenden Söhnen gerecht zu werden, obwohl er den ganzen Tag im Büro ist. Astrid, seine Frau, ist ebenfalls berufstätig. Sie hat ein kleines Fotostudio im Haus und ist damit meistens für die Kinder da. Wenn es aber wirklich einmal brennt, eines der Kinder krank wird, sie selbst mehr arbeiten muss oder einfach einmal Abstand braucht, dann bittet sie ihren Mann um Hilfe. "Ich musste lernen, die Verantwortung abzugeben", erzählt Astrid. "Erst dadurch wurde mir bewusst, über welch wundervolle Qualitäten mein Mann verfügt. Schließlich tut es mir als Frau und Mutter auch gut, wenn mein Mann am eigenen Leib erfährt, dass das Aufziehen von Kindern und das Jonglieren eines Haushalts nicht nur anstrengend, sondern auch ganz schön anspruchsvoll ist." Mittlerweile lasse er die Arbeit ohne zu zögern fallen und kümmere sich um die Kinder, wenn sie verhindert sei. Zum Glück akzeptiert Pauls Chef diese Einstellung. Vielleicht, weil er ebenfalls Vater heranwachsender Kinder ist. "Es ist für mich ein gutes Gefühl, dass unsere Kinder eine Beziehung zu ihrem Vater haben", sagt Astrid. Es gebe aber auch Abende, erzählt Paul, "an denen ich einfach nicht ansprechbar bin". Wenn seine Kinder dann vor ihm stünden und erzählten, denke er: "Wann darf ich endlich in die heiße Badewanne?" Dann bekomme er aber ein schlechtes Gewissen und sage sich: "Als Vater hast du ganz schön versagt." Kinder brauchen keinen Supermann als Vater. Sie brauchen vielmehr einen ehrlichen authentischen Vater, der zu seinen Gefühlen steht. Der zugibt, wenn er müde und erschöpft ist, auf der anderen Seite aber auch mit all seinen Sinnen bei den Kindern ist, ihnen zuhört, sie tröstet und ihnen beisteht. Obwohl es längst erwiesen ist, dass Väter für ihre Kinder genauso wichtig sind wie Mütter - und zwar in jedem Alter und ein Leben lang -, glauben viele immer noch, Kinder-Erziehung wäre Frauensache. Das hat zur Folge, dass ein Vater leicht in ein Rand- oder Schattendasein abdriften kann. Dagegen wehren sich die heutigen, neuen Väter zu Recht. Das Dilemma dabei ist jedoch, dass sie die Diskrepanz zwischen dem Bild, das die Gesellschaft von Vätern hat, und ihren eigenen Vorstellungen ausbalancieren müssen. Unzählige Mythen und Legenden, die das Bild vom Vater geprägt haben, sind nicht leicht zu überwinden. Selbst der uralte Mythos vom strengen Patriarchen, den der Nachwuchs fürchtet, ist tief verwurzelt. Auch die neuen Mythen und wertfeindlichen Beurteilungen sind keinesfalls besser. Da ist die Rede vom angeblich abwesenden, faulen, säumigen, gewalttätigen Vater, vom Versager-Vater, der seine Kinder im Stich lässt, vom Zerfall der Familie, sogar vom Ende der Elternschaft. Das würde bedeuten, dass wir in einer "vaterlosen Gesellschaft" leben, in der sich die Väter verdrücken und den Müttern alle Familien- und Erziehungsarbeiten auflasten.Gefühlvoll und zärtlich

Entspricht das wirklich der Realität? Keinesfalls. An diesem Klischee können die heutigen Väter nicht mehr gemessen werden. Es muss ein Umdenken zu Gunsten der Väter erfolgen. Sie leisten sich nämlich im Verhältnis zu ihrem Nachwuchs heute Gefühlsoffenheit, Weichheit, Zärtlichkeit, Fürsorglichkeit, Schwäche. Attribute, die den meisten Vätern früherer Generationen fremd waren. Auch Paul ist ein solcher neuer Vater. Manchmal sind es nur wenige Stunden, die er an den Werktagen mit seinen Kindern zusammen ist, mit ihnen spricht oder spielt. Doch diese Zeit ist Gold für das Selbstbewusstsein seiner Söhne und für ihn selbst - für sein Gefühl, doch ein guter Vater zu sein. S Die Autorin, Maria Graf, wurde 1958 in Ollmuth (Kreis Trier-Saarburg) geboren. Seit 1981 lebt sie in der Schweiz, wo sie eine psychologische Beratungspraxis hat. Sie schildert ihre Erfahrungen.