Verdacht gegen Chefarzt: Eindeutige Hinweise auf Misshandlung übersehen?

Verdacht gegen Chefarzt: Eindeutige Hinweise auf Misshandlung übersehen?

Hätte der Tod eines misshandelten Babys verhindert werden können, wenn der Chefarzt der Wittlicher Kinderklinik rechtzeitig die Behörden eingeschaltet hätte? Er steht im Verdacht, sich schuldig gemacht zu haben. Der Staatsanwalt ermittelt.

Trier. Die Rechtsmedizinerin sprach vor zwei Jahren von einem "medizinischen Desaster". Trotz des Verdachts auf Misshandlung eines neugeborenen Mädchens hätten die Kinderärzte im Wittlicher Krankenhaus nicht rechtzeitig das Jugendamt eingeschaltet. Das Baby war am 8. Juli 2008, zwei Monate nach der Geburt, von seiner Mutter mit schweren Verbrühungen in die Klinik gebracht worden, wo es zuvor bereits zwei Mal wegen Atemproblemen und Blutergüssen behandelt worden war. Schon da hätten die Wittlicher Ärzte reagieren müssen, sagte die Rechtsmedizinerin im Oktober 2009 im Prozess gegen den Vater des Kindes. Die Hinweise auf eine Misshandlung seien eindeutig gewesen, so ihre Aussage.
19 Knochenbrüche, Quetschungen, etliche Blutergüsse und schwere Verbrühungen in Mund und am Hals wurden später bei dem Baby festgestellt - zugefügt vom eigenen Vater. Dieser wurde zu neun Jahren Haft verurteilt, weil er sein Kind wochenlang sadistisch gequält hat. Der Säugling überlebte die schweren Verletzungen mit viel Glück.
Der Chefarzt der Wittlicher Kinderstation sagte damals dem TV, erst als das Baby mit Verbrühungen ins Krankenhaus gekommen sei, sei offensichtlich gewesen, dass es misshandelt worden ist. Daraufhin seien sofort Polizei und Jugendamt informiert worden.
Hätte das Leiden des Mädchens verkürzt werden können, wenn die Wittlicher Ärzte schneller reagiert hätten? Die Vorwürfe stehen seit zwei Jahren im Raum. Die Staatsanwaltschaft hat seitdem geprüft, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen den Chefarzt der Kinderstation als verantwortlichen Mediziner einleitet.
Vor einem Jahr kamen dann neue Vorwürfe hinzu. Auch im Fall des misshandelten und später gestorbenen sieben Monate alten Säuglings aus Spangdahlem sollen Ärzte des Wittlicher Krankenhauses nicht sofort die zuständigen Behörden eingeschaltet haben. Bevor das Kind eines in Spangdahlem stationierten US-Soldaten und seiner amerikanischen Frau mit Atemstillstand auf die Wittlicher Kinderstation gebracht wurde, war es ebenfalls bereits zwei Mal dort behandelt worden. Bereits bei der zweiten Behandlung soll dem Chefarzt mitgeteilt worden sein, dass die damals 22-jährige Mutter des Jungen überfordert sei. Der Arzt soll daraufhin die Patientenbetreuung der Klinik eingeschaltet haben.
Zwei Monate vor dem Tod des Kindes hat die Kinderärztin der US-Airbase in Spangdahlem das Baby mit dem konkreten Verdacht auf Misshandlung nach Wittlich überwiesen. Die Anwältin der im Mai verurteilten Mutter des Jungen behauptet, der Chefarzt sei der Meinung gewesen, das Baby sei Opfer eines Unfalls - und die Eltern seien überfordert. Eine Meldung an die Polizei in Wittlich habe er damals vorbereitet, aber nicht abgeschickt. Zwei Wochen später kam der Junge bewusstlos in die Klinik - aus dem Koma ist er nicht mehr erwacht. Im Oktober vergangenen Jahres starb er in einer Spezialklinik in Bonn. Die Staatsanwaltschaft hat seitdem geprüft, ob es überhaupt strafrechtlich relevante Anhaltspunkte für ein Ermittlungsverfahren gibt. Konkret: Ob ein Arzt, der einen Misshandlungsverdacht hegt, verpflichtet ist, Jugendamt, Polizei oder Staatsanwaltschaft einzuschalten, und ob bei einer Anzeige weitere Misshandlungen hätten verhindert werden können. Nach Ansicht des Leitenden Oberstaatsanwalts Jürgen Brauer besteht der Anfangsverdacht, dass der Chefarzt sich möglicherweise der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht hat. Die Ermittlungen dürften sich schwierig gestalten. Eine Anzeigepflicht für Ärzte bei Misshandlungsverdacht besteht nicht. Und im vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium herausgegebenen Leitfaden "Gewalt gegen Kinder" für Ärzte (siehe Extra) heißt es: Bei Misshandlungsverdacht "können Sie" Polizei oder Jugendamt informieren.

Extra

Aus dem Leitfaden "Gewalt gegen Kinder" von rheinland-pfälzischem Gesundheitsministerium und Techniker Krankenkasse: "Als Ärztin oder Arzt, aber auch als psychologische Psychotherapeutin oder psychologischer Psychotherapeut, sind Sie an die Schweigepflicht und den Datenschutz gebunden. Die Rechte des Kindes und anderer Familienmitglieder werden damit geschützt (…) Bei einem Verdacht auf körperliche Misshandlung, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung können Sie jedoch von der Schweigepflicht entbunden werden. Dies kann entweder durch das Kind selbst geschehen (…) oder durch einen Erziehungsberechtigten (…) Haben Sie also anlässlich der Behandlung eines Kindes Kenntnis von Verletzungen, die auf Misshandlung, Missbrauch oder schwerwiegende Vernachlässigung hindeuten, können Sie im Interesse des Kindes und zum Schutz vor weiteren körperlichen und seelischen Schäden die Polizei oder das Jugendamt informieren. Dabei müssen Sie selber abwägen, ob ein begründeter Verdacht vorliegt.

Seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Chefarzt des Wittlicher Krankenhauses laufe ein internes Prüfungsverfahren, sagt die Geschäftsführerin der Krankenhausträgergesellschaft ctt, Vera Bers. Offenbar werden auch disziplinarische Maßnahmen gegen den Arzt nicht ausgeschlossen. Auch "Fragen der dienstvertraglichen Situation und der damit einhergehenden Konsequenzen" würden überprüft, sagt Bers. Die unabhängig von den Ermittlungen laufende Prüfung sei noch nicht abgeschlossen. wie

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