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Verliebt, verloren, verprügelt

Verliebt, verloren, verprügelt

Früher mussten die Frauen vor ihren gewalttätigen Partnern flüchten. Heute gilt: Wer schlägt, geht. Auch hat die Polizei viel mehr Möglichkeiten, Opfer zu schützen. Dennoch leben Frauen oft jahrelang in Gewaltbeziehungen.

Trier. Schon seine Schritte hallen laut und bedrohlich durch das Treppenhaus zu ihr empor. Dann dreht der Schlüssel sich im Schloss. Die Türe fliegt auf und knallt mit solcher Wucht gegen die Wand, dass der Putz splittert.
"Du Schlampe wagst es, mich zu betrügen", brüllt er, während er mit wutverzerrtem Gesicht und geballter Faust auf seine Frau zuläuft. Sie weicht zurück, bis sie die Wand an ihrem Rücken fühlt. Dann steht er vor ihr und fordert mit kalter, leiser Stimme: "Gib mir Dein Handy". Als sie sich weigert, beginnt er auf sie einzuschlagen. Und lässt erst ab, als ihr Brustbein zertrümmert ist.
Mann kommt mit Beil zurück


So ähnlich dürften jene Ereignisse gewesen sein, die sich Mitte Mai in einer Trierer Wohnung zugetragen haben. Die verletzte Frau rief die Polizei, nachdem ihr Partner das Haus mit ihrem Handy verlassen hatte. Hätte sie dies nicht getan, wäre sie nun möglicherweise nicht mehr am Leben. Denn als der Mann zu ihr (und den Trierer Polizeibeamten) in die Wohnung zurückkehrte, hatte er laut Polizei ein Beil bei sich. Er wurde festgenommen.
"Das ist ein sehr gravierendes Beispiel für häusliche Gewalt", sagt Jürgen Schmitt, stellvertretender Polizeipräsident. Nicht immer wird geprügelt, bis das Blut fließt. Oft ist der Terror subtiler. Viele Frauen berichten Schmitt zufolge, dass sie gewürgt werden. Oder dass sie Todesangst ausstehen, während der Mann ihnen ein Kissen auf den Mund drückt, dass er dann im letzten Moment zurückzieht. Sichtbare Spuren bleiben davon keine zurück. Dennoch sind die Opfer traumatisiert. "So einzigartig wie jede Beziehung ist auch die Gewalt", sagt Schmitt. Allerdings gehe es fast in allen Fällen um die Ausübung von Macht.
Menschen werden aufmerksamer


Das Ausmaß dessen, was Frauen oft jahrelang über sich (und auch über ihre Kinder) ergehen lassen, sei erschreckend, sagt Schmitt. "Das ist keine Privatsache und kein Kavaliersdelikt." Wenn Nachbarn einfach nur das Fenster schließen, um die Schreie nicht mehr zu hören, wenn sie sich lieber nicht einmischen, dann sei das der falsche Weg.
Dass die Zahl der registrierten Fälle zunimmt, ist für ihn daher ein gutes Zeichen. Deutet es doch darauf hin, dass die Menschen aufmerksamer werden - und eher bereit sind, die Polizei zu informieren.
Deren Arbeitsweise hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Bevor 2002 das neue Gewaltschutzgesetz in Kraft trat, blieb vielen betroffenen Frauen nichts anderes übrig, als aus ihrem Heim zu flüchten - zum Beispiel in ein Frauenhaus.
Seit 2002 gilt jedoch der Grundsatz: Wer schlägt, muss gehen. "Wir arbeiten jetzt stark opferzentriert", sagt Schmitt. Wichtigste Aufgabe sei es, Hilfe zu vermitteln. Zu diesem Zweck arbeitet die Polizei sehr eng mit den Interventionsstellen zusammen, die mit den Opfern Kontakt aufnehmen. Denn den Betroffenen selbst fehlt meist die Kraft oder der Mut, sich von außen Hilfe zu holen. Zudem hat die Polizei eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten, um für einen besseren Schutz der Betroffenen zu sorgen: Sie kann dem Täter einen Platzverweis sowie Rückkehr- oder Näherungsverbote erteilen. "Für viele Täter bedeutet das einen riesigen Ansehensverlust", sagt Schmitt, der das nun elf Jahre alte Gesetz sehr positiv bewertet. Auch, weil es dazu geführt habe, dass diese Form von Gewalt als Unrecht empfunden werde. Und nicht mehr als Privatangelegenheit.
Im Fall der Frau, die beinahe mit einem Beil attackiert worden wäre, war das Glück im Spiel, dass die Polizei zur rechten Zeit am rechten Ort war. Schmitt hat jedoch den Wunsch, schon viel früher herauszufinden, welche Beziehungen so viel Sprengstoff bergen, dass sie tödlich enden könnten. "Das ist so komplex, das kann keiner alleine beurteilen", sagt der stellvertretende Polizeichef. Weshalb es schon jetzt ab und an Fallkonferenzen gebe, an denen sich Vertreter von Jugend- oder Sozialamt beteiligen - oder andere Fachleute, die die Betroffenen kennen. Diese Zusammenarbeit will die Polizei ausbauen, um Mord und Totschlag zu verhindern.Extra

Auch wenn das Robert-Koch-Institut in einer Studie 6000 deutsche Erwachsene zu ihren Gewalterfahrungen befragt hat und dabei laut Spiegel angeblich herauskam, dass Frauen öfter körperliche Gewalt gegen den Partner ausüben als Männer - die Polizeistatistik spricht eine ganz andere Sprache: Etwa 80 Prozent derjenigen, die dem Partner Gewalt antun, sind in der Region Trier Männer und nur 20 Prozent sind Frauen. Der Polizei zufolge ist auch die Dimension der Gewalt eine andere. Männer seien brutaler.kahExtra

Interventionsstellen sind ein Angebot für Frauen, die Gewalt in engen sozialen Beziehungen erleben oder erlebt haben. Sie beraten vertraulich und kostenlos in akuten Krisensituationen, informieren über rechtliche Möglichkeiten und vermitteln bei Bedarf weiterführende Hilfe. Frauen aus Trier und dem Kreis Trier-Saarburg können sich an die Interventionsstelle Trier wenden: Deutschherrenstraße 38, Telefon 0651/9948774, interventionsstelle-trier@ web.de Für Frauen aus den Kreisen Bernkastel-Wittlich, Bitburg-Prüm und Vulkaneifel ist die Interventionsstelle Eifel-Mosel zuständig: in Daun unter 06592/95730 oder per E-mail interventionsstelle@daun.caritas-westeifel.de sowie in Prüm unter 06551/971090 oder per E-mail interventionsstelle@pruem.caritas-westeifel.de kah