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Gesundheit: Verrechnet, aber trotzdem richtig

Gesundheit : Verrechnet, aber trotzdem richtig

Der Trierer Lungenarzt Joachim Vogt verteidigt weiterhin die Kritik an Grenzwerten und Dieselfahrverboten. Es gebe keine Belege dafür, dass Werte für Luftschadstoffe wissenschaftlich begründet seien.

Joachim Vogt bleibt dabei: Es gebe keine klaren Belege dafür, dass Stickstoffdioxid zu erhöhter Sterblichkeit führt. Der Chefarzt für Pneumologie (Lungenkrankheiten) im Trierer Brüderkrankenhaus gehört zu den über 100 Lungenärzten in Deutschland, die eine Stellungnahme unterschrieben haben, in der sie die Grenzwerte für Luftschadstoffe kritisieren und die Sinnhaftigkeit von Dieselfahrverboten infrage stellen.

Initiator der umstrittenen Stellungnahme war der Marburger Lungenfacharzt Dieter Köhler. Der musste nun laut einem Bericht der Zeitung taz einräumen, dass er sich bei der Stellungnahme verrechnet hat. Konkret geht es um die Behauptung Köhlers, ein Raucher nehme bei einem Päckchen pro Tag in wenigen Monaten die gleiche Menge Feinstaub und Stickoxid auf wie ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatmen würde. Damit wollten Köhler und die Mitunterzeichner des Papiers belegen, dass das Risiko durch Luftschadstoffe nicht so groß ist: Sonst müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten sterben. Laut taz stecken in dieser Rechnung jedoch Fehler. Verursacht seien sie durch fehlerhafte Umrechnungen und falsche Ausgangswerte. Folge man der Logik Köhlers und korrigiere die Fehler, nehme ein Raucher durch Zigaretten erst in gut sechs bis 32 Jahren eine Stickstoffdioxid-Menge auf wie ein 80-jähriger Nichtraucher Zeit seines Lebens beim Einatmen von Außenluft.

Die in dem Zeitungsbericht kritisierte falsche Berechnung beziehe sich nicht auf die von ihm mitunterzeichnete Stellungnahme, sagt Vogt unserer Zeitung. Vielmehr stammten die Zahlen aus einem Interview Köhlers mit dem Ärzteblatt 2018. „In der Tat sind die in dem Interview von Herrn Köhler dokumentierten Berechnungen bezogen auf Stickoxide nicht korrekt“, sagt Vogt.

Ein Raucher atme bei 20 Zigaretten am Tag im Vergleich zu einem Nichtraucher tatsächlich die 66-fache Menge an Stickoxiden durch den Zigarettenrauch ein. Die Kernaussagen der Stellungnahme sehe er durch die Rechenfehler nicht widerlegt. Studien zufolge könne Stickstoffdioxid  in höherer Konzentration Atemwegsreizungen hervorrufen. Was die Langzeitauswirkungen der chemischen Verbindung, die vor allem durch Verbrennungsprozesse entsteht, angehe, sei die Datenlage aber nicht so eindeutig, sagt der Chefarzt. Daher sei die von ihm und den anderen Unterzeichnern geäußerte Kritik an den Grenzwerten für Stickstoffdioxid, aufgrund derer es Diesel-Fahrverbote in Städten gibt, weiterhin begründet. Der Grenzwert von durchschnittlich 40 Mikrogramm pro Kubikmillimeter Luft  sei nicht ausreichend medizinisch begründet. Angesichts der „erheblichen sozialen“  Konsequenzen müssten die Grenzwerte heraufgesetzt werden. Vogt schlägt Werte von 50 bis 100 Mikrogramm vor. Unklar bleibt allerdings, was bei einer Überschreitung dieser Grenzwerte geschehen soll. Der Mediziner macht aber klar: „Dieselfahrverbote und Ersatz der Diesefahrzeuge durch Benziner als Einzelmaßnahme sind zur Luftverbesserung  nicht geeignet.“ Das Ziel müsse sein, die Verkehrsbelastung in den Innenstädten zu reduzieren.

Vogt kann mit der Kritik, die die Stellungnahme ausgelöst hat, leben. Vor allem Gegner der Dieselfahrverbote haben sie als Beweis dafür genommen, dass die Verbote überflüssig seien. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte die Initiative begrüßt und die EU-Kommission aufgefordert, den europaweit gültigen Grenzwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm zu überprüfen. Das Verkehrsministerium erklärte nun, der Aufruf der Lungenärzte habe einen „Impuls“ zur Debatte gesetzt. „Dass die Stellungnahme die politische Diskussion über Grenzwerte befeuert, war zu erwarten und sicherlich auch erwünscht“, meint Vogt. In erster Linie habe die Initiative aber darauf abgezielt, die Diskussion zum Thema Luftbelastung innerhalb unserer Fachgesellschaft der Lungenärzte zu intensivieren. Das Thema wird  kommende Woche auch den rheinland-pfälzischen Landtag beschäftigen. Auf Antrag der CDU-Fraktion soll über saubere Luft und Diesel-Fahrverbote diskutiert werden.  Die CDU fordert, die Messstationen im Land darauf zu überprüfen, ob die Werte repräsentativ und die Standorte rechtskonform sind.