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Viele Japaner verlieren ihre Heimat

Viele Japaner verlieren ihre Heimat

Die Japanerin Setsuko Nagahashi musste wegen des verheerenden Erdbebens und der Atomkatastrophe ihr Heim gegen einen harten Schlafplatz in einer Turnhalle tauschen. Werden sie und Hunderte andere Japaner jemals wieder nach Hause zurückkehren?

Nihonmatsu. Über der Trauergemeinde im japanischen Ort Namie liegt feierliche Stille. Im Beisein des Priesters nimmt Setsuko Nagahashi mit einem letzten Gebet Abschied von ihrem Schwiegervater. Plötzlich beginnt die Erde zu beben. "Das Gebäude schwankte gewaltig, wir gerieten in Panik", erinnert sich die 61-jährige Japanerin. Plötzlich schrillen Warnungen vor einem Tsunami durch den Ort. Ein Teil des Hauses stürzt ein. Mit ihrem Sohn, ihrem Ehemann und allen übrigen Trauergästen rennt Nagahashi in Windeseile aus dem Haus. Ihr aufgebahrter Schwiegervater blieb zurück.

In diesem Augenblick am 11. März konnte noch niemand in Japan wissen, was sich wenig später im nur einige Kilometer entfernten Kernkraftwerk Fukushima Eins abspielen würde. Jahrzehntelang lebten die Menschen neben dem Meiler, Nagahashis Sohn verdiente dort seinen Lebensunterhalt. Seine Teilnahme an der Bestattung seines Großvaters hat ihm vielleicht das Leben gerettet.

Seine Mutter Setsuko Nagahashi haust heute zusammen mit rund 200 anderen früheren Bewohnern ihres Heimatortes in einer zum Flüchtlingslager umfunktionierten Sporthalle in Nihonmatsu südlich der Großstadt Fukushima. Mit ihrem Ehemann teilt sie sich ein hartes, zugiges Schlaflager neben einer Tür. Sie und die anderen Opfer der größten Katastrophe, die Japan seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat, haben ihr Hab und Gut verloren. Mehrmals seit Beginn des Desasters musste sie auf Weisung der Regierung schon in andere Lager umziehen. Ihr Heimatort liegt innerhalb der Evakuierungszone, die der Staat nach dem Unfall im Umkreis von 20 Kilometern um die Atomruine gezogen hat.

"Ich frage mich, wann wir wohl jemals nach Hause kommen. Oder werden wir das überhaupt je können?" 40 Jahre ist es her, dass Nagahashi nach Namie kam, dort heiratete und seither ein glückliches Leben führte. "Wir konnten anderen stolz erzählen, dass unsere Stadt qualitativ guten Reis hat und dass unser Gemüse köstlich ist", erzählt die Japanerin schluchzend. "Wir dachten, wir hatten es gut getroffen, so zwischen Bergen und dem Meer".

Nun ist alles verwüstet und hochgradig radioaktiv verstrahlt. "Selbst wenn wir am Ende wieder zurück dürften, können wir in einem solchen verseuchten Gebiet jemals wieder leben?", fragt sich die 61-Jährige. Die Regierung überlegt, manche der am schlimmsten von der Katastrophe betroffenen Wohngebiete an der Küste für immer aufzugeben und den Menschen abzukaufen.

Nagahashi und ihr Ehemann haben inzwischen einen neuen Bescheid bekommen, dass sie in eine Wohnung oder eine Herberge möglicherweise in einer anderen Stadt ziehen können. Es ist Teil der Bemühungen der Regierung, die Opfer aus der unmittelbaren Katastrophengegend herauszuholen. "Ich denke, die nächste Verlagerung bedeutet, dass es wohl anscheinend länger dauern wird, die Probleme in dem Atomkraftwerk zu lösen", sagt Nagahashi. Auch andere Opfer ahnen, dass sie wegen der radioaktiven Verseuchung vielleicht nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können.

Weniger Arbeitsplätze



Die Menschen machen sich auch Sorgen um ihr Einkommen, viele hatten vor dem Unglück im Kernkraftwerk gearbeitet. Der Verlust des Arbeitsplatzes sei eines der größten Probleme für die Flüchtlinge, erzählt der Beamte Hiroyuki Matsumoto aus der Stadt Tamura. "Wer aus der Evakuierungszone raus musste, kann nicht mehr nach Hause und nicht arbeiten", sagt er. "Sie haben hohe Ausgaben, aber verdienen nichts. Das ist ein drängendes Problem."

Jedes der drei Kinder von Nagahashi ist inzwischen an einen anderen Ort gezogen. Auch ihre Verwandten sind anderswo untergekommen. Ihr Sohn ist zwischenzeitlich mit Soldaten kurz in ihr zerstörtes Haus zurückgekehrt, um den Großvater zu holen und zu bestatten. Auch Nagahashi und ihr Mann werden nun fortziehen. Vielleicht für immer.