Viele Juden kehren Frankreich den Rücken

Viele Juden kehren Frankreich den Rücken

Mehr als 4500 französische Juden sind dieses Jahr bisher nach Israel ausgewandert - so viele wie noch nie. Einer davon ist Simon, der sich mehr Schutz und eine bessere Zukunft für seine Kinder erhofft.

Paris. Wenn die Jüdische Gemeinde Frankreichs am Donnerstag und Freitag das neue Jahr feiert, ist es für Simon auch eine Art Abschiedsfest. Haus, Auto, Möbel: Alles verkauft er, um im Oktober mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Israel auszuwandern - so wie mehr als 4500 andere französische Juden dieses Jahr vor ihm. Von einer Kleinstadt im Norden von Paris zieht die Familie nach Netanya, 30 Kilometer nördlich von Tel Aviv. "Es zerreißt mir das Herz"", sagt er über den bevorstehenden Abschied, bei dem er seine Mutter zurücklässt.
Doch der 40-Jährige versteht die Auswanderung nach Israel, die Aliyah, als Opfer, das er für seine Kinder bringt. "Ich will mir keine Sorgen machen, wenn mein Sohn morgens in die Schule geht."
Die Zahl antisemitischer Gewalttaten hat in Frankreich in den ersten sieben Monaten des Jahres dramatisch zugenommen. 527 zählte der Dienst zum Schutz der Jüdischen Gemeinde (SPCI) bis Ende Juli - ein Anstieg um 91 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. "Wir stellen mehr gezielte Angriffe gegen Synagogen, jüdische Läden, bestimmte Viertel fest", sagt der Vorsitzende des Zentralrats jüdischer Einrichtungen in Frankreich (CRIF), Roger Cukierman. Sogar in der Rue des Rosiers, der berühmten Straße im Pariser Touristenviertel Marais, wurde im Juli nach einer propalästinensischen Demonstration ein koscheres Restaurant angegriffen.
Simon kennt die jüngsten Fälle judenfeindlicher Ausschreitungen gut. Er kommt aus Sarcelles, jener Stadt im Norden von Paris, die einmal für ihr Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen bekannt war. Doch im Sommer wurden nach einer pro-palästinensischen Demonstration jüdische Geschäfte angezündet, eine Apotheke brannte aus.
Dazu kommen antisemitische Parolen, wie sie der Hetzer Dieudonné auf der Bühne verbreitet, und der Ruf "Tod den Juden".
"Jeder hat seine Grenzen. Meine sind jetzt erreicht", sagt der Familienvater, der seinen Job als Führungskraft in einem großen Unternehmen aufgibt. In Israel fängt er wieder als einfacher Angestellter in einem Elektrobetrieb an.
"Durch den israelisch-palästinensischen Konflikt ist es dort gefährlicher, aber wir sind besser geschützt."
Seine Frau feierte vor ein paar Tagen ihren Abschied in der Apotheke, in der sie arbeitete. "Sie weint die ganze Nacht, weil sie ihre Freunde zurücklassen muss." Außerdem spricht sie kein Hebräisch. Auch die Kinder im Alter von acht, zehn und 13 Jahren müssen noch einmal von vorne anfangen. Ein ganzes Jahr lernen sie in gesonderten Kursen Hebräisch, bevor sie dann ins israelische Schulsystem eingegliedert werden.
Mehr als 5500 französische Juden werden dieses Jahr nach Angaben der Auswanderungsagentur Agence Juive das Land verlassen - ein Prozent der jüdischen Gemeinde. Damit ist Frankreich zum Land mit den meisten Auswanderern nach Israel geworden, noch vor der Ukraine und Russland.
"Das sind Zahlen, die noch nicht dramatisch sind", relativiert Cukierman. Er macht das antisemitische Klima in Frankreich ebenso für die Entwicklung verantwortlich wie den Erfolg des rechtspopulistischen Front National, der bei den Europawahlen im Mai stärkste Partei wurde. Doch der CRIF-Präsident sieht auch die Wirtschaftskrise in Frankreich als Grund. "Es gibt auch viele nichtjüdische Franzosen, die emigrieren, nach England oder in die USA." Auch ein jüdischer Familienvater, der noch nie über eine Auswanderung nach Israel nachdachte, bemerkt: "Nur eine kleine Minderheit der jüdischen Gemeinde ist Ziel von Angriffen geworden. Man darf das nicht überbewerten. Es ist hier nicht die Reichspogromnacht."
Der bekannte jüdische Philosoph Bernard-Henri Lévy ruft die französischen Juden ganz offen zum Bleiben auf. "Ich glaube nicht, dass man so verzweifelt sein sollte, dass man die Koffer packt", schreibt er in der Zeitschrift La Règle du Jeu. Stattdessen appelliert er an die Juden, sich der Auseinandersetzung mit den Extremisten von links und rechts zu stellen. "Ich kann mir nicht vorstellen, das Schlachtfeld zu verlassen, auf dem nach meiner tiefsten Überzeugung die Werte der Republik schließlich siegen werden."Extra

Ein gutes neues Jahr! Das können sich Menschen mit der Religion Judentum bald wünschen. Denn sie feiern in dieser Woche am Donnerstag und Freitag (25. und 26. September) das jüdische Neujahrsfest. Es heißt Rosch ha-Schana oder auch Rosch Haschana geschrieben. Das Fest fällt jedes Jahr auf ein anderes Datum im Herbst. Der jüdische Kalender richtet sich nämlich nach dem Mond. Das ist anders als etwa im Kalender von Christen. Der wird nach der Sonne berechnet. Religiöse Juden gehen an Rosch ha-Schana zum Beispiel in einen Gottesdienst. Dort wird oft in das ausgehöhlte Horn eines Widders geblasen. Es heißt Schofar. Der Klang des Horns soll die Menschen daran erinnern, sich an die Gebote Gottes zu halten. In der Neujahrszeit sollen die Menschen auch darüber nachdenken, was im letzten Jahr schlechtgelaufen ist - und wie sie Dinge besser machen können. Wenn man etwa mit jemandem zerstritten ist, soll man sich versöhnen und dem anderen vergeben. Juden essen zu Rosch ha-Schana auch besondere Speisen - zum Beispiel Äpfel mit Honig, damit das neue Jahr gut und süß werde. dpa

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