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Viele Juden verlassen Frankreich: "Wir sind zu Zielscheiben geworden"

Viele Juden verlassen Frankreich: "Wir sind zu Zielscheiben geworden"

Der Dachverband jüdischer Einrichtungen in Frankreich (CRIF) hat nach einem Überfall auf ein jüdisches Paar vor dem Krebsgeschwür des Antisemitismus gewarnt. TV-Korrespondentin Christine Longin sprach mit CRIF-Vizepräsident Yonathan Arfi (34) über die Auswanderung nach Israel, den Gaza-Konflikt und den Antisemitismus in Deutschland.

Vergangene Woche wurde ein jüdisches Paar in der Pariser Vorstadt Créteil in seiner Wohnung angegriffen, die Frau vergewaltigt. Hat Frankreich damit eine neue Dimension des Antisemitismus erreicht?

Yonathan Arfi: Der Antisemitismus hat seit der zweiten Intifada im Jahr 2000 zugenommen. Vorher gab es einige Dutzend antisemitische Taten pro Jahr. Jetzt sind es mehrere Hundert. Immer mehr Tabus fielen: Anstelle von Gebäuden wurden Menschen angegriffen, von Beschimpfungen wurde zu körperlichen Angriffen übergegangen. Im Bewusstsein der jüdischen Gemeinde ist nun eine weitere Grenze überschritten worden. Wir hatten vorher das Gefühl, kollektives Ziel zu sein. Jetzt sind wir individuelle Zielscheiben geworden.
Frankreich hat die größte jüdische Gemeinde Europas. Fühlen Sie sich als Jude hier noch sicher?

Arfi: Die Mehrheit der Franzosen ist nicht antisemitisch. Aber die antisemitische Minderheit, die zur Tat schreitet, ist immer besser organisiert und aktiver. Ich fühle mich nicht mehr wohl dabei, offen Jude in der französischen Gesellschaft zu sein. Die Juden tragen immer weniger die Kippa (Kopfbedeckung, d. Red.) auf der Straße. Sie haben die Tendenz, ihre Identität in der Öffentlichkeit zu verstecken.

Die Zahl der französischen Juden, die nach Israel auswandern, wird dieses Jahr einen Rekord erreichen. Warum gehen sie weg?

Arfi: Im vergangenen Jahr wurden 3200 Auswanderer gezählt. Dieses Jahr werden es sicher zwischen 6000 und 7000 sein. Sie entscheiden sich zu gehen, weil sie das Gefühl haben, in der französischen Gesellschaft nicht mehr offen jüdisch sein zu können. Dazu kommen die fehlenden Perspektiven einer Gesellschaft, die in einer moralischen und politischen Krise steckt. Es gibt auch viele junge Franzosen, die nach Australien, Kanada, die USA oder England auswandern. Die Zeiten sind hart für alle. Aber als Juden leben wir zusätzlich mit der Angst vor dem Antisemitismus.

Haben der Gaza-Konflikt und die gerade vom französischen Senat geforderte Anerkennung eines Palästinenserstaates das Klima noch verschlechtert?

Arfi: Es gibt den historischen Antisemitismus der Rechtsextremen und seit 15 Jahren den Antisemitismus der jungen Einwanderer arabisch-muslimischer Herkunft, die unter dem Vorwand des Nahostkonflikts handeln. Man hat lange den Irrtum begangen zu denken, dass der Antisemitismus die Konsequenz des Nahostkonflikts ist. Ich halte diese Interpretation für falsch, denn sie entlässt die französische Gesellschaft aus ihrer Verantwortung. Es gibt heute einen latenten Antisemitismus in den Köpfen. Der Nahost-Konflikt ist nur der Funke, der ihn entflammt.

Arfi: Wie sehen Sie den Antisemitismus in Deutschland?

Der Antisemitismus, der sich diesen Sommer in Deutschland gezeigt hat, ist eine Art Echo auf das, was Frankreich schon vor 14 Jahren erlebt hat. Damals gab es eine Welle antisemitischer Gewalt, die neue Fragen aufwarf. Zum Beispiel: Wie soll man auf den Antisemitismus reagieren, der von den Einwanderern ausgeht? Wie soll man mit dem Antisemitismus von Bevölkerungsgruppen umgehen, die selbst Opfer von Rassismus sind? Wir haben den Eindruck, dass Deutschland heute mit zehn, 15 Jahren Verspätung mit denselben Fragen konfrontiert ist. Frankreich war leider eine Art Versuchsfeld des Antisemitismus neuer Prägung. long