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Viele kleine Steinchen

TRIER/KONZ. Hermann Münzel, Kirchenrebell, Bürger-Initiativler, engagierter Anreger für Versöhnungsprojekte, ist todkrank. Trotz einer Krebserkrankung im Endstadium, die ihn seit Monaten ans Bett fesselt, setzt er sich weiter für seine Ziele ein. ARRAY(0xfbeede0)

Der junge Mann an der Pforte des Altenzentrums in Konz-Karthaus braucht nicht nachzusehen, um Auskunft über den Weg zu Hermann Münzel zu geben. Er wird oft danach gefragt in diesen Tagen. An der Zimmertür hängt ein Namensschild mit dem Vermerk, man möge die Tür tagsüber angelehnt lassen, damit auch der nächste Besucher ungehindert eintreten kann. Nicht jeder, der hier liegt, kann sich über vergleichbaren Zuspruch freuen. Der weite Lebenskreis, den Münzel gezogen hat, spiegelt sich auch in dieser letzten Station wider. Studenten- und Gemeindepfarrer, beliebter Religionslehrer, unermüdlicher Aktivist, wo immer er gesellschaftliches Engagement für nötig hielt, geschätzter - bisweilen auch gefürchteter - Diskussionspartner, Symbolfigur für kritische Katholiken, begeisterter Sänger im Konzertchor: Der 70-Jährige hat einiges auf seinen einstmals breiten Schultern getragen. "Die Dinge können einem doch nicht egal sein", sagt er rückblickend - ihm waren sehr viele Dinge nicht egal. Die Wurzeln für diese Mischung aus Engagement und Widerspruchsgeist sieht Hermann Münzel in seiner Jugend. Sein Elternhaus sei "fromm, aber nie autoritätsgläubig" gewesen. Das frühe, unverbrüchliche Engagement in der katholischen Kirche war von Anfang an gekoppelt mit dem Anspruch, "sich nichts gefallen zu lassen". Keine leichte Position bei einer Institution, in deren Denkweise die Unfehlbarkeit vor der Demokratie rangiert. Aber der Ausstieg aus der Kirche war für ihn, trotz aller Konflikte, ebenso wenig ein Thema wie die Anpassung. Seit dem vergangenen Frühjahr kennt er die Dimension seiner Krankheit, die Ärzte konnten ihm keine Hoffnung machen. Ein großer Freundeskreis half ihm, zu Hause über die Runden zu kommen, solange es ging. Aber im Sommer nahm ihm der Krebs die Bewegungsfähigkeit, seither ist er ans Bett gefesselt. Die Wirbelsäule macht nicht mehr mit, aber das Rückgrat hat er sich bewahrt. Am Bett steht ein Telefon, von dem aus er sich weiter einschaltet, zu Wort meldet, organisiert. Auch wenn es immer schwerer wird. Hermann Münzel ist an jener Schwelle, wo die zeitweilige Abwesenheit von Schmerzen, mag sie auch teuer erkauft sein, die höchste Form von Lebensqualität bedeutet - oft die einzige. "Man darf nicht hadern", sagt er trotzdem."Es gibt Themen, die nicht einfach aufhören"

Er ist immer noch präsent, macht sich Gedanken. Schließlich, so sagt er, "gibt es Themen, die nicht einfach aufhören". Seine Versöhnungs-Initiative in Palästina beispielsweise. Oder die Zeitschrift "Imprimatur" und das "Theologische Quartett", jene Flöhe im dicken Fell der Amtskirche, die immer noch pieksen, wo andere längst resigniert haben. Aufgeben ist Hermann Münzels Sache nie gewesen. "Klar" war seine Hoffnung auf Veränderung in der Kirche früher größer. Aber der Katholizismus habe sich "nur äußerlich angepasst, nicht wirklich verändert". Grund zum Frust? "Wieso?", fragt Münzel zurück, er habe das Seine für Veränderungen getan, mehr sei nicht drin gewesen. Ihm ging es "um die Sache, nicht ums Siegen". In weltlichen Dingen klang das manchmal anders. Weißhaus, Viehmarkt, Domfreihof, Palais Walderdorff: Wo immer Bürger gegen echte oder vermeintliche Fehlentwicklungen aufstanden, marschierte Hermann Münzel, Mitgründer des Trier-Forums, in der ersten Reihe. Und er konnte kräftig austeilen. Meist zu Recht, denkt er noch heute. Aber er räumt auch unumwunden ein, dass sich etwa der Domfreihof zu einem "wunderschönen Platz" entwickelt hat. Doch nach Bedauern klingt das nicht, so wenig wie bei seinen Auseinandersetzungen mit den Kirchenoberen. Reue sei eine Sache, die er mit dem lieben Gott ausmache, aber nicht mit dem Bischof, hat er in einem früheren Interview gesagt. Hermann Münzel hat Spuren hinterlassen, war Motor für viele Projekte. Und ist es immer noch. Wo es geht sogar durch persönliche Anwesenheit. Freunde holen ihn ab, organisieren einen Rollstuhl. Man kümmert sich um ihn, so wie er sich um vieles gekümmert hat. Im Rausgehen drückt er dem Reporter noch ein Programm des "Theologischen Quartetts" in die Hand. "Ist wichtig", sagt er leise. "Zwar auch nur ein kleines Steinchen. Aber wenn man viele aufeinandersetzt..."